Jungenaufzucht bei Neuntötern und die Crux der Erkenntnisfindung

                                                                                              Eisingen, Juli 2019

 

Hochsommer! Wieder bin ich in Eisingen und habe Gelegenheit, Feld und Flur zu erkunden. Die jungen Füchse sind schon ein Weilchen aus dem Bau ausgeflogen und werden sich bald selbstständig machen. Das Vogelkonzert des Frühjahrs ist verstummt, wenngleich vereinzelt noch  Gesangseinlagen gegeben werden. Dafür beleben jetzt die Grashüpfer und Heuschrecken die Wiesen und Felder und geben ihre zirpenden Strophen zum Besten. Da ist das scharfe Zicken, den die große, auf grünem Grund mit Rottönen übermalte Sumpfschrecke, ertönen lässt. Wenn die Männchen ihre langen Hinterbeine schwungvoll nach hinten schleudern und kleine, an den Beinen sitzende Dornen an den Flügeln reiben, entsteht dieser Ton. In ähnlicher Weise formen auch die übrigen Heuschrecken und Grillen ihre Laute. Bei den Kurzfühlerschrecken, landläufig Grashüpfer genannt, zu denen die Sumpfschrecke zählt, werden immer die Hinterbeine gegen die Flügel gerieben. Die Langfühlerschrecken, u. a. das bekannte Grüne Heupferd, die Feld- oder die Maulwurfsgrille, reiben hingegen die beiden Flügel gegeneinander. Somit sind die von den Heuschrecken erzeugten Lautäußerungen ganz anderen Ursprungs als die Töne, die Säuger, Vögel oder auch Frösche und Reptilien über die Atmungsorgane Luftröhre und Lunge erzeugen. Das Trommeln der Spechte oder auch das Meckern der Bekassine kann allerdings mit der Lauterzeugung der Heuschrecken gleichgesetzt werden. Hier handelt es sich ebenfalls um Instrumentallaute. Allerdings haben die erzeugten Laute bei allen Tiergruppen einen gleichen Zweck. Es geht um Kommunikation, also den Austausch von Informationen und hier besonders um Werbung und Paarung und die Abgrenzung von Revieren. Und wie quakende Frösche, singende Vögel oder auch röhrende Hirsche, singen oder zirpen die Heuschrecken Stunde um Stunde. Die Kurzfühlerschrecken beschränken sich darauf, tagsüber zu zirpen, Langfühlerschrecken werden oft erst mit dem Sonnenuntergang aktiv. In wärmeren Regionen und auch in Eisingen singen z. B. die Weinhähnchen ab dem Abend aus den Weinbergen und entlang von Feldrainen und Gehölzgruppen bis weit in die Nacht hinein. Ihr Ton ist ein sehr melodiöses Zirpen, das den warmen Abenden und Nächten eine besondere Anmut verleiht.

Die meisten Wiesen sind jetzt abgemäht und viele wachsen bereits der zweiten Jahresmahd im Spätsommer entgegen. Sie tragen dann nicht mehr die farbenfrohe Blütenfülle des Frühsommers, aber dennoch wissen die weißgefärbte Wilde Möhre, der gelbe Odermennig, die blauen oder violetten Flockenblumen und Skabiosen das Auge zu erfreuen. Wo die Vegetation schütter wird, auf Brachflächen, an Feldrainen und über Steinriegeln zeigen sich der Wilde Majoran, der Wilde Thymian, die Kratzdistel, verschiedene Arten Johanniskräuter, Nacht- und Königskerzen und auch die stachelbewehrte Wilde Karde. Weitere Farbtupfer bieten der prallrote Klatschmohn und die filigranen blauen und violetten Blüten von Kornblume und Wiesensalbei. Hinzu gesellen sich verschiedene Kleesorten, die in gelber, weißer oder roter Version die Wiesen und Felder schmücken, dem Boden Stickstoff liefern und besonders den Schmetterlingsarten Nektar anbieten. Kaisermantel, Schachbrett, Mondvogel, Distelfalter, verschiedene Bläulinge und auch der Schwalbenschwanz suchen flatternd ihre Nahrung. Einmal entdecke ich ein Taubenschwänzchen, das wie ein Kolibri flügelschlagend vor den Blüten in der Luft steht und mit seinem langen Rüssel Nektar saugt. 

 

Wenngleich der Revier- und Balzgesang der Vögel nun so gut wie verstummt ist, heißt das nicht, dass nun von dieser Tiergruppe nichts zu sehen oder hören wäre. Zumeist sind sie noch mit der Aufzucht der Jungen beschäftigt, zumal viele Singvögel unter günstigen Bedingungen zwei- bis dreimal im Jahr brüten. Größere Vogelarten, wie Eulen und Greifvögel, aber auch die Krähen, Elstern und Raben, erlauben sich diesen Luxus nicht. Bei Greifen und Eulen kann das Ausbrüten der Eier schon gut fünf Wochen betragen, hinzu kommt eine ebenso lange Nestlingszeit. Haben die Jungen das Nest verlassen, dauert es noch einmal mehrere Wochen, bis sie sich eigenständig ernähren können. Ganz ähnlich verhält es sich auch beim Neuntöter. Er ist ein schmucker Geselle, das Männchen trägt rote Flügeldecken, eine schwarze Gesichtsmaske, einen grau gefärbten Kopf und Nacken und schwarz auslaufende Schwanzfedern. Die rote Färbung der Flügel stand Pate für seinen zweiten Namen, der Rotrückiger Würger lautet. Das Weibchen ist nicht ganz so bunt gefärbt, es erscheint im Gesamteindruck eher braungrau, bei grau gebänderter Brust und nur angedeuteter Gesichtsmaske. Ähnlich wie das Weibchen zeigen sich auch die ausgeflogenen Jungen, sie wirken aber noch etwas grauer. Alt wie jung tragen einen kräftigen Schnabel, der wie einen Mischung aus Krähen- und Greifvogelschnabel wirkt. Denn an der Spitze bildet er einen kräftigen und nach unten weisenden Haken aus. Mit 16 bis 18 cm Körperlänge ist der Neuntöter nicht größer als eine Goldammer oder eine Feldlerche. Während diese aber am Boden aber eher behäbig nach Insekten, Spinnen und auch Pflanzensamen picken, ist der Neuntöter ein behänder Jäger von Insekten, aber auch kleinen Wirbeltieren wie Mäusen, Eidechsen und Kleinvögeln. Dafür dient ihm der greifvogelähnliche Schnabel bestens. Den ungewöhnlichen Namen erhielt der Neuntöter von der Gewohnheit, erbeutete Tiere als Nahrungsvorräte auf Dornen aufzuspießen. Dazu hieß es früher, er würde erst neun Tiere fangen, bevor er mit dem Fressen anfängt. Das stimmt sicherlich nicht und die meiste Beute wird sogleich verzehrt oder an die Jungen verfüttert. Dennoch erscheint es als eine kluge Strategie, wenn Nahrungsvorräte, z. B. für Schlechtwetterperioden angelegt werden. Ähnliches praktizieren auch andere Würgerarten, so der größere, an eine Elster erinnernde Raubwürger, der bei uns zumeist nur als Wintergast erscheint. Im Südwesten Deutschlands kommt ganz vereinzelt noch der Rotkopfwürger vor. Der Schwarzstirnwürger, ein Bewohner der sommerwarmen östlichen Steppen ist in Deutschland ausgestorben. Bei allen Würgern tragen die Männchen eine charakteristische schwarze Gesichtsmaske. Männchen wie Weibchen haben einen Hakenschnabel und wenngleich sie sich in Färbung und Größe unterscheiden, weist ihr Habitus (u. a. Sitzhaltung, Jagdweise, Schwanzschlagen) sie alle als zur Würgerfamilie gehörend aus.

Der Neuntöter erscheint bei uns zumeist erst Anfang bis Mitte Mai. Zuerst kommen die Männchen ins Brutgebiet, einige Tage später treffen die Weibchen ein. Gerade erst im Brutgebiet angekommen, können sich die Vögel recht auffällig verhalten. Ihr Gesang ist allerdings leise und schon deshalb nicht oft zu hören. Er setzt sich aus Imitationen anderer Vogelstimmen zusammen. Auffälliger sind da schon Lock-, Warn und Erregungsrufe, wie das rhythmisch vorgetragen tack-tack-tack, das sich zum pointierteren tschack-tschack-tschack steigern kann. Sehr oft ist auch ein gut vernehmbares Tschäh oder Gäh zu hören. Wenn gut drei Wochen nach der Ankunft die Eier gelegt wurden und das Weibchen zu brüten begonnen hat, werden die Vögel jedoch ziemlich heimlich. Zwar lässt sich das Männchen immer einmal bei der Jagd oder auf einer Sitzwarte sehen, dennoch bleiben die Neuntöter in diesen Wochen und auch während der Nestlingszeit den Beobachtern vielmals verborgen. Ganz anders ist es ab dem Hochsommer, wenn die Jungen das Nest verlassen haben, schon umherflattern können und erste Jagdversuche unternehmen. Wie die ausgeflogenen Greifvögel sind sie aber noch nicht in der Lage, sich selbstständig zu versorgen und brauchen noch weitere Wochen Unterstützung durch die Altvögel. Jetzt legen die Neuntöter ihre Heimlichkeit ab, und wer sie eingehend beobachten möchte, erhält nun beste Gelegenheiten. Alle Würgerarten sind Bewohner von offenen park- oder savannenartigen Landschaften. Entlang von Heckenzügen, in denen dornige Sträucher wie Schlehe, Weißdorn und Brombeere wachsen und die von Feldern und Wiesen umgeben sind, halten sie sich bevorzugt auf. Waldränder, die an solche offenen Flächen anschließen und ebenfalls dornige Sträucher beherbergen, werden ebenfalls besiedelt. Erfolgreiche Bruten können aber nur dort gelingen, wo die Vegetation ein vielfältiges Mosaik darbietet, mit Standorten für unterschiedliche Pflanzengesellschaften und als Lebens- und Aufenthaltsraum für größere Insekten und andere Kleintiere in Frage kommt. Soweit diese Voraussetzungen gegeben sind, kann der Neuntöter in ganz Europa existieren und er kommt in Deutschland flächendeckend vor. Wo die Landschaft allerdings ausgeräumt wurde, Knicks oder Feldhecken beseitigt, Wiesen und Felder nur noch wenige Nutzpflanzen beherbergen und Insekten verschwunden sind, wandert der Neuntöter ab.

Bereits an meinem ersten Sommertag in Eisingen stoße ich auf die Neuntöter. Da ich viele der Aufenthaltsplätze aus den Vorjahren kenne, fällt das nicht schwer. Oft höre ich das Gäh und Tschäh und auch die warnenden tack-tack-tack-Laute, besonders dann, wenn ich in die Nähe der Jungen komme. Allerdings, das sei erwähnt, warnt auch die lebhafte Dorngrasmücke mit für mich fast gleich klingenden Rufen oder hält mit ihnen Kontakt zu Artgenossen. Doch so auffällig, wie sich die Neuntöter jetzt gebärden, kann mich die öfter vorkommende Verwechselung der Rufe beider Arten nicht  irritieren. Denn sind sie ständig zu sehen. Typisch ist die Präsenz der Männchen auf einer höheren Sitzwarte. Dafür werden gerne die höchsten aus einer Feldhecke herausragenden Äst angenommen. Manchmal sitzen sie aber auch tiefer in der Hecke, oder zeigen sich rastend und lauernd auf den hochstehenden Getreideähren oder den Halmen des reifen Rapses. Immer schauen sie aufmerksam umher und oft höre ich das Tschä und Gäh. Charakteristisch ist das Drehen und fortwährende nach unten Schlagen des Schwanzes. Unvermittelt startet es zum Jagdflug, der nicht selten in einem nach oben gehenden Bogen beginnt, ein Stück horizontal weiterführt um im weiteren eleganten Bogen flach über dem Boden noch in der Luft ein Beutetier zu erhaschen. Oft geht es dann, ohne zwischendurch zu landen, zuerst noch ganz flach, dann elegant aufsteigend, zur Sitzwarte zurück. Viele Jagdflüge führen jedoch auch erst zum Erdboden, um dort sitzend, eine Beute aufzunehmen. Übrigens gehen die Jagdflüge selten mehr als 50 Meter weit. Wenn Männchen oder auch Weibchen mit einer Beute zurückkommen, ertönt oft das bettelnde tack-tack-tack der Jungen, die noch gefüttert werden wollen. Allerdings verlieren die Alten zusehends die Neigung zum Füttern und mir scheint es oft so, als wären sie unschlüssig, ob sie den Jungen etwas geben oder sich lieber selbst versorgen sollen. Gerade innerhalb der zweieinhalb Wochen, in denen ich regelmäßig bei den Neuntötern bin, werden nach meiner Einschätzung die Fütterungen weniger. Dennoch sehe ich öfter Altvögel, die Beutetiere, häufig Grüne Heupferde, zu den Jungen tragen und bin einmal ganz nah dran, als ein Weibchen mit dieser Beute füttert. Ein Junges erhascht das ganze Kerbtier, das Andere wirkt ganz verdutzt darüber, dass es leer ausgeht. Wie verärgert bedrängt es das Weibchen, doch das hat nichts mehr anzubieten. So fliegt es den Jungen, die noch keine guten Flieger sind, davon. Da nützt auch der klagende Bettelruf, den das Junge von sich gibt, nichts. Weil es auf den Wiesen und Feldern zu meiner Freude reichlich Grüne Heupferde und andere Heuschrecken gibt und viele Schmetterlinge umherflattern, sollte die Versorgung der Jungen in diesem Sommer insgesamt Problem darstellen. Was die Vögel sonst noch erbeuten, entgeht mir leider. Zumeist bin ich doch wenigstens zehn, zwanzig und mehr Meter von ihnen weg und da gehört immer etwas Glück dazu, die doch kleine Beute zu erkennen.

 

Außerdem, und das irritiert mich nicht nur in diesem Jahr, fand ich erst einmal vor vielen Jahren, eine aufgespießte Beute. Es handelte sich um eine Hummel. So oft ich ansonsten die in Frage kommenden Dornbüsche absuchte, ging ich leer aus. Möglicherweise wird das Aufspießen der Beute nicht von allen Neuntöterpopulationen  regelmäßig ausgeführt. Da das Aufspießen zur Nahrungsbevorratung dienen soll, könnte es außerdem durchaus sein, dass dies eher in klimatisch ungünstigen Gegenden praktiziert wird oder nur wenn die Wetterlage Kühle und regenreiche Tage mit sich bringt. Was mir aber in diesen Tagen noch mehr als bei früheren Beobachtungen auffällt, ist die hohe Brutdichte der Vögel. Ich gelange zu der Einschätzung, dass eine Hecke, die nicht mehr als zehn Meter lang du fünf Meter breit ist, durchaus zwei Brutpaare beherbergen kann. Oder, und das ist ein Frage, die ich mir schon länger stelle, kann es sein, dass sich mehrere Männchen an der Aufzucht einer Brut beteiligen? Vielleicht bilden die Vögel, z. B., wenn in einem Gebiet eine große Population lebt, auch kleine Kolonien aus, in denen mehrere Paare dicht beieinander brüten? Ich sehe auf jeden Fall mehrfach, dass zwei Männchen nicht mehr als 50 Zentimeter voneinander entfernt sitzen. Ganz dicht nebeneinander, wie oft Männchen und Weibchen und auch Alte und Junge, gesellen sie sich aber nicht zueinander. Eine gewisse Intoleranz gegen einen männlichen Artgenossen, scheint vorhanden zu sein. Auch die Weibchen können in ähnlich kleinen Abständen zueinander sitzen, ob sie ganz ohne Aggression sich noch näher kommen, entzieht sich meinen Nachforschungen. Generell befinden sich die Weibchen nicht so oft wie die Männchen auf exponierter Warte, sie sind mehr in der Mitte der Büsche oder in deren Innerem. Alleine das erschwert dahin gehende Einschätzungen zu den Weibchen. So beschränke ich mich in meinen Schilderungen auf die Männchen. Mehrmals sehe ich, wie ein Männchen eine Sitzwarte anfliegt, die ein anderes Männchen besetzt hält. Das führt dann entweder dazu, dass das zuerst sitzende Männchen wegfliegt, doch ebenso kommt die andere Variante zur Geltung. Die heißt, das die Sitzwarte anfliegende zweite Männchen, weicht dem zuerst sitzenden Tier aus. Nach dieser kurzen und fast unmittelbaren Berührung halten die beide Männchen zwar einen Abstand zueinander ein, der kann aber (s. o.) sehr klein sein. Ob, Männchen oder auch Weibchen, die mit den brütenden Altvögeln verschwistert sind, sich bei der Aufzucht beteiligen Unter Umständen dann, wenn sie selbst keinen Bruterfolg haben oder hatten? Diese Interpretation würde immerhin die Sichtweise der Soziobiologie, wonach jedes Individuum bestrebt ist, seine eigenen Gene zu fördern, unterstützen. Denn Geschwister der Eltern teilen mit den Nachkommen immerhin 25 % der Gene.

Wie sich das im Einzelnen bei den Neuntötern verhält, werde ich mit meinen Möglichkeiten nicht herausfinden. Denn dazu müsste ich Paarbildung und Aufzucht über mehrere Jahre von Mai bis August verfolgen, müsste mittels Kennzeichnung am besten durch gut ersichtliche Bänder oder Ähnliches, die einzelnen Vögel voneinander unterscheiden können, und, und, und….

Die Beobachtungen des Sommers, aber auch frühere Jahre, lassen mich aber darüber nachsinnen, in welcher Weise überkommene Weltbilder und Wertvorstellungen Vogelbeobachtern und Verhaltensforschern ein Schnippchen schlagen können. Da geht es ihnen nicht anders als allen anderen Menschen. So galt und gilt die Einehe über Jahrhunderte im Abendland als die einzige „anständige“ Beziehungsform mit sexuellem Austausch. Obgleich die davon abgeleitete Klein- oder Kernfamilie mit einem Elternpaar und den Kindern erst eine Entwicklung der letzten einhundertfünfzig Jahre ist, wurde sie in diesem Zeitraum zur allgemein anerkannten und gesetzlich abgesicherten Norm. Erst in jüngster Zeit ist ein Abrücken davon zu erkennen. Wer in den kaum mehr als zweihundert Jahren, in denen es eine ernsthafte wissenschaftliche Beschäftigung mit tierischem Verhalten gibt, Tiere studierte, war daher in der Vorstellung  gefangen, dass die die Einehe die einzige und naturgegebene Fortpflanzungsgemeinschaft darstellt. Das führte dann, um auf die Vögel zurückzukommen, zu der Wahrnehmung, dass fast alle Vögel  paarweise brüten und paarweise die Jungen aufziehen. Das jährlich durchgeführte Vogelmonitoring nimmt dies zur Grundlage. Wenn ein Vogelmännchen im Frühling am passenden Ort  seine Balzstrophe vorträgt, gilt es als Revieranwärter oder Revierinhaber. Die daraus abgeleitete Annahme lautet, es möchte ein Weibchen begatten und gemeinsam mit ihm Junge aufziehen. Abgewichen wird davon nur, wenn ein anderes Fortpflanzungsverhalten ganz offensichtlich und in der Literatur entsprechend beschrieben ist. Zugegeben, es hat  sich unter Ornithologen herumgesprochen, dass  Vögel  verschiedene Varianten von Fortpflanzungsgemeinschaften, Revierbildungen und Muster der Jungenaufzucht praktizieren,  und dass weder die Vogelmännchen, noch die Vogelweibchen zwangsläufig in monogamer Einehe leben. Aber kann es darüber hinaus nicht sein, dass die Fütterung des brütenden Weibchens und der Jungvögel – soweit sich die Männchen überhaupt daran beteiligen – nicht nur von einem, sondern von mehreren Männchen vorgenommen wird? Sicher lässt sich das nämlich nur feststellen, wenn das jeweils fütternde Männchen sich deutlich von anderen Männchen derselben Art unterscheiden lässt. Dies geht zumeist nur über eine künstliche individuelle Kennzeichnung (s. o.). Um dem Ganzen noch die Spitze aufzusetzen: ist es möglich, dass sich auch bei den uns vertrauten heimischen Arten, mehrere Weibchen sich  beim Brüten abwechseln?

Ich möchte mich nicht weiter auf dieses dünne Eis begeben und mir ist klar, dass inzwischen mit der Hilfe von genetischen Untersuchungen, sich Eltern und Kinder zweifelsfrei zuordnen lassen und es Methoden gibt, mit denen herausgefunden werden kann, ob immer derselbe Vogel füttert und/oder brütet. Ich weiß auch nicht, wie oft, wie regelmäßig und ob überhaupt solche aufwändigen Untersuchungen durchgeführt werden. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass auch die vermeintlich wertfreie Naturwissenschaft, nicht frei davon ist, überlieferte und gelebte Normen stillschweigend in die Erkenntnisfindung einfließen zu lassen. Das geschieht zumeist ganz unbewusst, denn, so meine These, niemand kann sich den Prägungen mit denen er aufwuchs, entziehen. Es hilft nur, sich genau dessen bewusst zu sein und die Fragestellungen, die Untersuchungen und die Schlussfolgerungen die vorgenommen werden, kritisch auf diesen Sachverhalt hin zu hinterfragen. 

Angelehnt an den Philosophen Sokrates kann ich als Resümee´ zu meinen Neutöterbeobachtungen  sagen „[...]ich weiß, dass ich nichts weiß[...]“ Ich weiß nicht, ob mehrere Männchen eine Brut füttern, wie sich das bei den Weibchen verhält und welche verwandtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den fütternden und sich dicht beieinander aufhaltenden Vögeln existieren. Dennoch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Aufzuchtverhalten und die Paarbindung bei den Neuntötern möglicherweise vielschichtiger ist, als dies in den Lehrbüchern steht. Mit Sicherheit habe ich überdies herausgefunden, dass sie in weitaus größerer Dichte im Eisinger Gebiet vorkommen, als ich bisher annahm. Mir scheint, dass so gut wie alle möglichen Brutplätze besetzt sind. Bestimmt trug dazu der trockene Sommer des Vorjahres bei und ebenso dürfte das heiße Wetter in diesem Jahr den Vögeln zupass kommen. Für die Beutetiere der Neuntöter, also vor allem Heuschrecken, Schmetterlinge und andere Insekten, sind das günstige Bedingungen, von denen viele andere Insektenfresser profitieren sollten. Wie nahe für den Jäger Neuntöter das Schicksal, selbst Beute zu werden sein kann, wird mir an einem Tag sehr deutlich. Mehrfach im Verlaufe von ein oder zwei Stunden fliegt ein Habichtmännchen flach über die Büsche auf und in denen die Neuntöter sitzen. Sicherlich wartet es darauf, eines der exponiert sitzenden Männchen oder auch einen unerfahrenen Jungvogel im plötzlichen Angriff zu erwischen. Ein oder zwei Tage später finde ich auf dem Feld neben einer Hecke eine frisch gerupfte diesjährige, bereits flügge Amsel. Das hätte auch einen Neuntöter treffen können.

Noch einige Wochen werden die Vögel hier bleiben und sich für den weiten Flug ins tropische Afrika zu wappnen. Für die Jungen heißt das vor allem, ausreichende Jagderfahrungen zu sammeln. Spätestens Ende August geht es auf die Reise. Ich freue mich, wenn es ihnen dort gut ergeht. Im nächsten Jahr werde ich ihnen wieder nachspüren und zu meinen Beobachtungen weitere Mosaiksteine hinzufügen können.   

 

                                                               Beobachterglück

                                                                                              Eisingen, Ende April 2019

 

 

Es ist Ende April. Der Frühling kommt langsam auf Touren und im Augenblick steigen die Tagestemperaturen bereits auf über 20° C. Ich bin für mehrere Tage in Eisingen zu Besuch. Dort bin ich aufgewachsen und auch heute noch zieht es mich regelmäßig dort hin. Einerseits um viele Freunde zu besuchen, doch auch, weil ich die dortige Landschaft, mit den sanft geschwungenen Hügeln, den kleinen naturnahen Wäldchen und besonders den blütenreichen Streuobstwiesen, liebe. Waren diese vor Jahrzehnten noch überall ein regelmäßiges Landschaftselement, so sind sie inzwischen selten geworden. Ein regelmäßig hoher Nährstoffeintrag, sehr oft eine Folge der Gülleausbringung aus der intensiven Tierhaltung, lässt zwar die konkurrenzstarken Gräser schnell heranwachsen. Das erlaubt pro Jahr bis zu vier Wiesenmahden, was die Viehhalter erfreut. Dafür bleiben die bunten und an nährstoffärmere Standorte gebundenen Wiesenblumen auf der Strecke. Mit einher geht ein Verlust an biologischer Vielfalt. Sei es bei den Pflanzen selbst, den blütenbesuchenden Insekten und auch den in der Wiese lebenden Heuschrecken. Die häufige Wiesenmahd lässt wiesenbrütenden Vögeln wie Braunkehlchen, Baumpieper, Schafstelze oder Kiebitz nicht genug Zeit, ihre Eier auszubrüten und außerdem mangelt es ihnen an Insekten und an Neststandorten, die trocken genug für die wärmebedürftigen Küken sind.  Wenngleich diese Entwicklungen auch in Eisingen und im gesamten Enzkreis um sich gegriffen haben, blieben hier noch viele artenreiche Wiesen erhalten. In der Region existierten immer nur kleinere Bauernhöfe, die in kleinen Schlägen wirtschaften mussten. Dies ist eine Folge der Realerbeteilung, die besagte, dass die Hoffläche in jeder Generation an alle Söhne eines Hofinhabers gleichmäßig vererbt wurde. Wirtschaftlich entwickelte sich das für die Bauern über kurz oder lang zur Sackgasse, der landschaftlichen Vielfalt tat diese Regelung aber unbeabsichtigt gut. Im Verein mit den  geologischen und klimatischen Bedingungen der Region und verschiedenen Fördermaßnahmen der Landesregierungen, trug dieser Umstand dazu bei, dass hier deutschlandweit der höchste Anteil an sogenannten artenreichen Flachlandmähwiesen erhalten bleiben konnte.

 

Dort gibt es immer viel zu sehen und zu erkunden. Sei es der blau und violett blühende Wiesensalbei mit seinem Blütenaufbau, der nur den Hummeln die Bestäubung zulässt. Oder der gelbblühende Klappertopf, der bei anderen Pflanzen schmarotzt. Seine reifen Samen klappern, noch in der Blüte steckend, im Wind, daher der Name. Weitere Sehenswürdigkeiten sind der Steinbrech, die Witwenblume, die Margerite, der Arnika und verschiedene Arten von Glockenblumen und Habichtskräutern. Um diese Jahreszeit sind die Feldgrillen aktiv und sie machen sich ab den Vormittagsstunden lautstark durch ihr Zirpen bemerkbar. Dieses Geräusch entsteht beim Aneinanderreiben der Vorderflügel und mit ihm markieren die Männchen ihre Reviere und locken die Weibchen an. Falls zwei Männchen nahe beieinander sitzen oder ein Weibchen den Weg kreuzt, wird das Zirpen noch einmal kräftiger. Die Grillen hausen in kleinfingerdicken Erdlöchern. Mit Glück lassen sie sich außerhalb der Löcher beobachten, denn zum Zirpen werden diese verlassen. Zur Frühlings- und Frühsommerwiese gehört für mich das Zirpen der Grillen, ebenso wie die Vogelgesänge in Wald und Feld oder die Rufe der Möwen an der Küste, ganz einfach dazu. Die Feldgrillen verstummen zwar ab der Mitte des Sommers, doch andere Heuschrecken wie das Grüne Heupferd, die Keulenschrecke, der Nachtigallengrashüpfer oder der Braune Grashüpfer treten an ihre Stelle.

 

Ich bin in aller Frühe unterwegs, um diese Uhrzeit brauche ich noch nicht mit Grillen zu rechnen. Aber Hausrotschwanz und  Amsel haben mich aus dem Bett gerufen und während ich durch den Wald in Richtung Gengenbachtal gehe, jubiliert die Singdrossel, flötet die Misteldrossel und die Mönchsgrasmücke schmettert ihre Strophe. Es ist kalt und klamm und die Sonne noch nicht aufgegangen. Das wären gute Voraussetzungen für die Feuersalamander, doch am Waldboden und unter Steinen und am Boden liegenden Totholz finde ich heute keine. Mein erster Weg führt zu einer sehr verwachsenen Stelle. Dort gibt es viele Erdbaue, die abwechselnd von Fuchs und Dachs bewohnt werden. Wie ich sehe, wurde eine kleine Fichtenschonung, die das Areal abdeckte, jüngst gerodet. So entstanden neue besonnte Plätze, wo sich – wenigstens vorübergehend -  viele Kräuter und auch Insekten ansiedeln können. Wie ich schon fast bei den Bauen bin, höre ich ein Rascheln. Davon neugierig gemacht, schaue ich umher und sehe ein kleines braunes Tier. Was ist das? Ein Marder? Nein, jetzt bleibt es für einen Moment stehen, ich habe Zeit, um durch das Fernglas zu schauen. Da steht ein Fuchswelpe, vielleicht gerade vier Wochen alt. Die später spitz werdende Schnauze ist noch ziemlich stumpf, die Beinchen kurz und der Schwanz überhaupt nicht buschig, sondern nur kurz behaart. Das Füchslein schaut mich interessiert an, zieht sich aber doch schnell zurück. So nahe einen Fuchswelpen, das erlebte ich noch nie!  Als der kleine Kerl verschwindet, folge ich nicht nach, ich möchte keine Unruhe an den Bau bringen. Doch lässt mir das Erlebnis keine Ruhe. So bin ich am nächsten Morgen noch etwas früher auf den Beinen, denn ganz nahe bei den Bauen steht ein Hochsitz und von dort müsste ich die Welpen gut beobachten können. Vorausgesetzt, sie sind vor dem Bau. Es dämmert gerade, als ich dort ankomme. So leise und unauffällig wie möglich steige ich auf den Hochsitz. Zunächst sehe ich nichts, doch Tiere beobachten heißt warten. Aber das Beobachterglück ist mir hold. Ich erkenne auf dem braunen Erdboden ein fast ebenso braunes Füchslein. Wenige Meter davon entfernt liegt ein zweites. Sie schlafen, was mich beruhigt. Denn das bedeutet, dass sie mich entweder nicht bemerken oder sich wenigstens von meiner Anwesenheit nicht stören lassen. Wie schon geschildert, schätze ich das Alter der Welpen auf maximal vier Wochen. Wie alle Raubtiere kommen die Jungen fast nackt und blind zur Welt. Die Fähe säugt sie dann immer wieder, unterstützt durch Bauchlecken die Verdauung und frisst die Hinterlassenschaften aus hygienischen Gründen zu dieser Zeit auch auf. Selbstverständlich muss sie öfter zu Jagdzügen den Bau und die Welpen verlassen, doch andererseits versorgt auch häufig der Rüde in diesen Wochen sowohl die Fähe wie später die Welpen mit Futter. Bei gutem Nahrungsangebot wachsen die anfangs kaum 100 Gramm schweren Welpen schnell heran, sie öffnen mit ca. 16 Tagen die Augen und begeben sich nun bald erstmalig aus dem Bau. Ab der vierten Woche bringen die Alttiere feste Nahrung herbei, zeitgleich beginnt die Entwöhnung von der Muttermilch. Zum Frühsommer hin werden die Welpen immer selbstständiger, sie streifen nun bereits oft alleine oder mit Geschwistern umher, kommen aber noch regelmäßig zum Bau zurück. Im Verlaufe des Sommers werden die Bindungen zu den Alttieren und den Geschwistern zusehends schwächer und für die Jungen beginnt dann eine harte Bewährungsprobe, die viele nicht überleben werden. Aber so weit sind meine Füchslein noch nicht. Sie schlafen die meiste Zeit, nur ab und an wird das Köpfchen gereckt, gegähnt und umher geschaut. Schließlich werden sie beide wacher und einer der Welpen entschließt sich, sein Geschwisterchen mit Liebkosungen zu verwöhnen. Die putzigen Fellknäuel schmiegen sich aneinander. Nun gesellt sich ein dritter Welpe, den ich bisher noch nicht gesehen habe, hinzu und er beteiligt sich an dem Schmusespiel. Spielerisch wir auch miteinander gehändelt, dafür zwicken sie sich mit sanften Bissen ins Fell. Der Dritte bleibt jedoch nicht lange, sondern geht wieder solitär und legt sich an einen inzwischen sonnenbeschienenen Platz nieder. Dort räkelt er sich behaglich und genießt ausgestreckt die Sonnenstrahlen. Als ob das nicht genug Beobachtergenuss wäre, sehe ich jetzt noch zwei weitere Welpen, die allerdings ein paar Meter abseits sich aufhalten. Sie spielen ebenfalls miteinander, doch erscheint ihr Spiel schon ein wenig rustikaler. Sie zeigen kleine Ringkämpfe, unterstützt von Beißbewegungen und vergnügt wälzen sich die noch pummeligen Rivalen miteinander. Wie die anderen unterbrechen sie das Spiel öfter mit Ruhe- und Schlafpausen. Doch bald geht es weiter und im Spielrepertoire findet sich auch gegenseitiges Anschleichen und Fangen und die Füchslein versuchen, wenngleich noch sehr spielbetont, umherfliegende Insekten zu erhaschen. Die Welpen sind unterschiedlich groß, einer erscheint deutlich kleiner als die anderen zu sein. Doch habe ich nicht den Eindruck, dass ihn das benachteiligt. Nach rund drei Stunden verschwinden die Welpen aus meinem Blickfeld und vermutlich in den Bau.

 

Welche Beobachtung! Fuchswelpen, so nahe und so familiär, die völlig ungehemmt durch meine Nähe miteinander spielen. Die folgenden Tage bin ich nicht am Bau, einmal, weil es Regenwetter gibt, aber auch, weil ich die Welpen und besonders die Alttiere nicht durch meine ständige Anwesenheit beunruhigen möchte. Vier Tage später sitze ich wieder auf dem Hochsitz. In den letzten Tagen kühlte es sehr ab, nachts und am frühen Morgen gibt es frostige Temperaturen. Im Wiesental sind die Grasspitzen mit Raureif überzogen. Das soll mich nicht stören. Leider kommt heute kein Fuchs. Hat die Fähe meine Anwesenheit doch bemerkt und als Vorsichtsmaßnahme die Welpen zu einem anderen Bau gebracht? Das geschieht nicht selten. Dafür nehmen die Fähen jeden Welpen einzeln auf, packen ihn dabei im Genick, was ihn ganz steif werden lässt und transportieren dann Welpen für Welpen einzeln zu einem anderen Bau. Das ist mühsam und beschwerlich, aber eine erprobte Verhaltensweise, die auch Haus- und andere Wildhunde, Katzen und Marder praktizieren. Ich warte rund zwei Stunden in der Morgenkälte. Als ich dann immer noch nichts tut, verlasse ich den Hochsitz.

 

Wieder zwei Tage später komme ich zurück. Sind die Welpen noch da? Ich bin sehr gespannt. Erneut benetzt Raureif die Wiesen und ist es auf dem Hochsitz kalt. Doch ich entdecke einen Welpen. Wie schön! Ein weiteres Mal winken ganz besondere Beobachtungen. Da ertönt im Hintergrund ein Büchsenschuss. Er galt zwar nicht dem Fuchs, dafür mit Sicherheit einem Rehbock. Die sind ab dem 1. Mai, der ist heute, für die Jagd freigegeben. Der frühe Beginn der Rehbockjagd ist für die Jäger ein ganz besonderer Termin. Ob er auch für die Rehe günstig liegt, sei dahin gestellt. Ich denke da jetzt nicht allein an die erlegten Böcke. Doch jetzt setzen die Rehricken ihre Kitze und bald beginnt die Brunftzeit der Rehe. Ist es da wirklich waidmännisch, genau in diesem Zeitraum mit der Jagdsaison zu beginnen? Jedenfalls, und das ärgert mich im Augenblick, verschwindet das Füchslein nachdem der Schuss ertönt. Er und seine Geschwister kommen an diesem Morgen nicht wieder aus dem Bau. Das ist schade, umso mehr, als ich übermorgen wegfahren werde und weitere Beobachtungen am Bau nicht mehr möglich sind. Lange hält die Enttäuschung nicht an und ich kann mich bald wieder am Trommelwirbel eines Schwarzspechts und dem melodiösen Pfeifen des schönen und seltenen Pirols erfreuen. Außerdem, dessen bin ich mir gewiss, die Erlebnisse am Fuchsbau werden in meiner Erinnerung bleiben. 

      Schrille Rufe, reißender Flug – Geschichten vom Mauersegler          

 

 

Es ist Anfang Juli. Lange hielt sich der Sommer in diesem Jahr versteckt, dann kam er im Juni auf Hochtouren und bescherte selbst Norddeutschland Temperaturen von bis zu 38°C. Nun ist er wieder auf Tauchstation gegangen und bietet in den nächsten Tag nur viel Wind und Temperaturen von kaum 20°C. Die Hitze und die auch in diesem Jahr recht trockene Witterung bekommt nicht allen, weder Tieren wie Menschen. Gestern inspizierte ich einige Tümpel in der Feldmark. Sie sind fast vollständig ausgetrocknet. Am Tümpelgrund hüpften kleine Grasfrösche, die seit kurzem das Larvenstadium hinter sich ließen. Sie haben nun voll ausgebildete Lungen und da sie nun laufen oder besser hüpfen können, brauchen sie zwar wie alle Amphibien nach wie vor ein feuchtes Milieu, sind aber nicht mehr auf offenes Wasser angewiesen. Andere Amphibienlarven, die die Umwandlung noch nicht abgeschlossen haben, werden es nicht überleben, wenn ihr Laichgewässer austrocknet. Ich gehe davon aus, dass es den Larven von Libellen, Eintagsfliegen, Schwimm- und Wasserkäfern in vielen Gewässern ganz genau so geht.

 

Von den heißen Tagen profitieren hingegen die Mauersegler. Nun pfeifen sie wieder durch die Häuserschluchten und hoch über den Dächern, vollführen wilde, mitreißende Flugmanöver und machen mit schrillen Rufen auf sich aufmerksam. Noch sitzen die Jungen im Nest, doch bald werden sie ausfliegen und wenn sie neben den Alten unterwegs sind, sind die pfeilschnellen Flieger mit ihren auffälligen Rufen auch von Laien kaum mehr überseh- und -hörbar. Es gibt sicher viele Menschen, die die Mauersegler für Schwalben halten. Zwar haben die Segler als Folge einer ähnlichen Spezialisierung der Nahrungssuche und Jagdweise, spitze, sichelförmige Flügel und auch ihr Schwanz ist schwach gegabelt. Doch ihr Flug ist viel reißender, geradliniger und weniger flatternd. Tatsächlich zählen die Segler systematisch nicht zu den Sperlingsvögeln, wie die Schwalben, sondern zu den sogenannten Schwirrflüglern, in die auch die Kolibris eingruppiert sind. Der Mauersegler (Apus apus) ist nördlich der Alpen die einzige Art aus dieser Gruppe. Im Süden des Kontinents kommen noch Alpen- und Fahlsegler hinzu. Die Mehrzahl der Seglerarten lebt in den Tropen und die Kolibris sind nur auf dem amerikanischen Doppelkontinent vertreten. Tatsächlich ist „unser“ Mauersegler auch die meiste Zeit des Jahres ein Afrikaner, denn nur in den Monaten Mai, Juni und Juli hält er sich in Mitteleuropa auf. Obgleich ein Kind der Sonne und des Südens, brüten Mauersegler auch in Nordskandinavien und in Sibirien. Es klingt widersprüchlich,  doch in seinen nördlichen Brutgebieten bleibt der Vogel länger als in den südlicheren. Woran liegt das? Mauersegler legen zwei bis drei Eier, die rund 20 Tage lang bebrütet werden. Bei anderen Vögeln dauert es dann noch einmal zwei bis drei Wochen, bis die Küken das Nest verlassen um anschließend nach und selbstständiger zu werden. Nicht so beim Mauersegler. Wie geschrieben, sie sind Kinder des Südens und der Sonne. Ihre reißenden Flüge dienen dazu, kleine Insekten und Spinnentiere, die durch warme Aufwinde in höchste Höhen getragen werden, mit weit aufgerissenem Schnabel aufzufangen. Soweit die Altvögel diese nicht selbst fressen, bewahren sie die Beute im Schnabel (und vielleicht auch im Kropf) auf. Sie wird, zwangsläufig mit Speichel vermischt, den Jungen und auch brütenden Elternvögeln als Eiweiß- und Chitinklumpen verfüttert. Wenn es im Sommer kühl und regnerisch ist, sind kaum Insekten unterwegs und es gibt für die Segler nur wenig zu fressen. Als würden sich die Vögel dann auf ihre von den Reptilien herführende Stammesgeschichte erinnern, fallen dann Junge und gelegentlich auch Alte in einen vorübergehenden Kälteschlaf, Topor genannt. Ganz interessant ist dabei, dass die in der Lebens- und Jagdweise den Mauerseglern nicht unähnlichen Fledermäuse eine ähnliche Strategie haben, um kalte Sommertage zu überstehen. Dabei sind sie allesamt Warmblüter, das heißt, ihre Körpertemperatur wir über eine ausreichende Energiezufuhr (Nahrungsmenge) und guter Isolierung durch Fettschichten, Federn oder Haare aufrecht gehalten. Anders die übrigen Wirbeltiere, die Fische, Amphibien und Reptilien, deren Körpertemperatur mit der Außentemperatur schwankt. Allerdings ist und bleibt zoologische Erkenntnis und Klassifikation nicht in Stein gemeißelt. So werden Säugetiere wie Vögel systematisch inzwischen als Bestandteil eines weit verzweigten Reptilienstammbaums angesehen. Und da winterschlafende Säugetiere Atmung, Herzschlag und Körpertemperatur stark reduzieren, die bekannten Dinosaurier (die in den Vögeln fortleben) aber wahrscheinlich warmblütig waren, unterliegen alle diese Einordnung den Schwankungen menschlichen Wissens und Erkennens.

 

Jedenfalls kann die Nestlingsdauer bei Mauerseglern aufgrund von Phasen des Kälteschlafs mehr als 50 Tage betragen. So wird klar, weshalb Vögel, die weit im Norden brüten und häufig Kälteeinbrüche erleben, im Durchschnitt länger im Brutgebiet bleiben, als in Mitteleuropa oder gar Südeuropa. Die Altvögel weichen Schlechtwetterphasen auch dadurch aus, dass sie vorübergehend in  wärmere Gebiete fliegen. Bei einer Fluggeschwindigkeit von 200 km/h ist ein Mauersegler schnell einmal vom kühlen Norddeutschland in die warme Oberrheinebene durchgestartet. Bleibt noch die Frage, weshalb insektenfressende Vögel, die alle im Süden überwintern und nicht selten jährlich zweimal mehr als zehntausend Kilometer zurücklegen, überhaupt die weiten, entbehrungs- und auch verlustreichen  Wanderungen unternehmen? Das rührt daher, dass in den warmen Monaten in den nördlichen Regionen das Nahrungsangebot besser ist, vor allem auch, weil bei den langen Tagen des Nordens die Vögel täglich viel länger Insekten fangen können.

 

Greifvögel, die einen Mauersegler erwischen wollen, müssen sich ziemlich anstrengen. Vermutlich haben hierzulande nur die im Sturzflug sehr schnellen Wander- und Baumfalken bei einem Überraschungsangriff Aussicht auf Erfolg. Da sich die Nester hinter kleinsten Einfluglöchern unter Dachvorsprüngen und in Mauerritzen befinden, sind die Gelege ebenfalls kaum gefährdet. Selbstverständlich werden Parasiten wie Läuse und Flöhe, Jungen wie Alten zusetzen. Was für ein Nest baut der Mauersegler überhaupt? In die kleinen Aussparungen, die er unter Beschlag nimmt, trägt er aus der Luft gegriffene Pflanzenteile, wie die schirmartigen oder haarigen Früchte vom Löwenzahn, den Weiden und Pappeln oder des Rohrkolbens, ein. Vermischt mit Speichel stellt er eine klebrige Masse her, aus der sich ein haltbares Nest formen lässt. Es scheint in Deutschland und anderswo auch einige Kolonien von Mauerseglern in alten Wäldern mit vielen Höhlenbäumen geben und ursprünglich waren die Mauersegler sowohl Fels- wie Baumbrüter. Brutplätze an den Häusern in Städten und Dörfern haben sich die Mauersegler also als Kulturfolger der Menschen erschlossen und dabei über rund 2000 Jahre ein immer größer werdendes Angebot bekommen. Nur in der jüngsten Zeit, gibt es da für die Vögel, die nicht nur im Wald zumeist in Kolonien brüten, ein Problem. Die Isolierung von Gebäuden zur Energieeinsparung ist umweltpolitisch eine wichtige Sache. Sie hat allerdings die Kehrseite, dass dabei die Lücken unter Dächern und im Mauerwerk, die neben den Mauerseglern auch u. a. von Fledermäusen, Fliegenschnäppern, Rotschwänzen und vielen Insektenarten als Nist- und Brutplatz dienen, wegsaniert werden. Theoretisch muss im Vorwege jeder Fassaden- und Dachsanierung und auch jeden Hausabrisses geprüft werden, ob sich dort geschützte Arten aufhalten. Ist dies der Fall, so gibt es die Verpflichtung, Ersatz zu schaffen, z. B. mittels künstlicher Nisthilfen. In der Praxis wird diese Pflicht aber sehr oft umgangen, vielfach alleine aus Unkenntnis sowohl über die Rechtslage wie das Vorkommen von Tieren. Häufig scheuen aber die Eigentümer die zusätzlichen Kosten und den Aufwand, der entsteht, wenn Bruten an der Fassade nachgewiesen werden und Ersatznester angebracht werden müssen. Sind die Brutplätze allerdings ortskundigen Experten bekannt, so haben sie das Recht und formal sogar die Pflicht, die Bauherren darauf und auf die Verpflichtung Nisthilfen anzubringen, hinzuweisen. Unternimmt dieser dann nichts, so ist das mindestens eine Ordnungswidrigkeit, die mit Bußgeldern geahndet wird. Außerdem befreit die Zahlung eines Bußgelds nicht davor, verlorene Brutstätten zu ersetzten. Ich höre beim Schreiben die vermutlich zahlreichen Stimmen, die solche Regelungen für viel zu bürokratisch, übertrieben, unnötig und unangemessen halten und es läppisch finden, dass wegen ein paar Vögeln Hauseigentümer so drangsaliert werden. Dem kann ich nur entgegen halten, dass Natur- und Artenschutz Ausdruck einer Wertehaltung und nicht umsonst zu haben sind. Wer sich also von den reißenden Flugmanövern der Mauersegler in den Bann ziehen lässt und generell möchte, dass in unserer Lebenswelt Blüten, Insekten, Vögel, Fledermäuse, etc. einen Platz behalten sollen, kommt um einige Reglementierungen nicht herum.

 

Es ist übrigens außerordentlich schwer, die Nistplätze der Mauersegler ausfindig zu machen. Anders als z. B. die Schwalben bauen sie keine auffälligen Nester und die schmalen Schlitze hinter denen sie brüten, sind nur aus nächster Nähe erkennbar. Vor allem in den Abendstunden und mit noch mehr Glück auch am Tag, kann man Altvögel, die einfliegen, beobachten. Allerdings geht das rasend schnell, es ist nicht zu glauben, wie rasant und sicher die Vögel mit ihren zusammen rund 40 cm breiten Flügeln in solch eine Aussparung hinein kommen. Da zumeist nur in längeren Abständen gefüttert wird (am Tag fängt ein Mauersegler bis zu 20 000 Fluginsekten) und der abendliche Einflug sekundenschnell abläuft, muss man schon im richtigen Moment an der richtigen Stelle sein, um herauszufinden, wo genau die Mauersegler brüten.

 

Ende Juli, Anfang August verschwinden die schnellen Flieger wieder ins südliche Afrika. Es ist bekannt, dass Mauersegler in der Luft schlafen, sie lassen sich von Luftströmungen treiben und schlagen im Schlaf unbewusst mit den Flügeln, wenn sie zu tief absinken. Auch die Paarung findet im Flug statt. Das heißt tatsächlich, dass die Vögel fast ihre gesamte Lebenszeit (bis zu 20 Jahre) in der Luft verbringen und nur während sie brüten öfter einmal sitzen. Die Beinchen und Zehen sind nur ganz kurz, stehen dicht am Körper und ein Laufen und Hüpfen, wie es andere Vögel tun, ist den Seglern nicht möglich. Falls sie doch einmal auf dem flachen Erdboden angekommen sind, können sie sich gerade so wieder in die Luft erheben, dafür brauchen sie aber ein wenig Platz um sich herum. Ansonsten taugen die Zehen und Krallen nur dazu, sich an Mauervorsprüngen und anderen vertikalen Strukturen festzuhalten und daran umherzuklettern.

 

Ich war 14 Jahre alt, als mein Vater mich an einem Ferienmorgen aus dem Bett rief und mich bat, eine gegen eine Fensterscheibe geprallte „Schwalbe“ in Obhut zu nehmen. Die vermeintliche Schwalbe lag am Boden und konnte nicht auffliegen. Nicht lange zuvor hatte ich in Brehms Tierleben über den Mauersegler gelesen. Ich nahm das apathische Tier in die Hand, bewunderte die stromlinienförmige Gestalt, die Sichelflügel, die kleinen Zehen, den kurzen, sich nach hinten weit verbreiternden Schnabel, das schwarze Federkleid nebst dem hellen Kehllatz. Und ich erinnerte mich daran, gelesen zu haben, dass Mauersegler nicht ohne Schwierigkeiten vom Boden auffliegen können. Daher legte ich das Tier zunächst an einem geschützten und stillen Ort ab und verschaffte ihm ein wenig Erholung. Ein oder zwei Stunden später ging ich wieder zu ihm, nahm ihn erneut in die Hand und hatte den Eindruck, dass der Vogel nicht stärker verletzt ist. Dann ging ich mit ihm auf die offene Rasenfläche, wo in nächster Nähe keine Hindernisse standen und warf ihn in die Luft. Der Mauersegler versuchte aufzufliegen, gewann aber nicht genug Höhe und landete im Rhabarberstock. Ich holte ihn heraus und versuchte den Wurf noch einmal, nun sicherlich kräftiger. Da schlug der kurzzeitige Hausgenosse schnell mit den Flügeln, kam in Fahrt und in die Höhe und war nach wenigen Augenblicken aus meinem Sichtfeld verschwunden. Meine damals noch kleine Schwester stand daneben und machte große Augen, als sie die Flugübungen miterleben konnte. Ob sie sich an diese Geschichte noch erinnern kann? Ich erinnere mich immer wieder daran und hoffe darauf, mich noch sehr oft am reißenden Flug und den schrillen Rufen der Vögel erfreuen zu können.

Accipiter nisus         

 

                                                                                                              Hamburg-Eimsbüttel, 1. März 2019

 

 

Es ist bereits früher Nachmittag und ich bin zuhause und putze die Wohnung. Plötzlich flattert vor der Fensterscheibe Weißes und Flaumiges. Wieder ein unbedachter Hausmitbewohner, der Abfall aus dem Fenster kippt? Ich schaue genau hin. Das sitzt er, kaum drei Meter entfernt, nur durch die Scheibe von mir getrennt: Accipiter nisus, der Sperber und kleine Vetter des Habichts. Genaugenommen ist es ein Sperberweibchen, das zeigt mir schon sein augenblickliches Tun. Es hockt auf einer Ringeltaube am Boden, die Taube zappelt und wehrt sich noch. Der Sperber muss fest zupacken und hat seine Klauen tief in die Beute geschlagen. Weshalb zeigt das Tun ein Sperberweibchen an? Für das deutlich kleinere Männchen wäre eine Taube als Beute einfach zu groß. Selbst das Weibchen ist kleiner und leichter als die Taube. Ich bin gebannt, gespannt, gefesselt. Solch eine Beobachtung! Ganz nahe und fast mit der Hand zu greifen! Noch zuckt die Taube. Das hindert den Sperber nicht daran, mit dem Rupfen und Kröpfen anzufangen. Er beginnt an der Brust, reißt Federn weg und verleibt sich die ersten Fleischstücke ein. Ich gehe vom Fenster zurück, möchte, dass der Sperber bleibt und mir das Geschehen nicht verloren geht. Nach einigen Minuten flattert er noch ein wenig hin zu meinem Fenster, die Taube dabei unerbittlich in den Klauen haltend. Das alles geschieht nun einen Meter vor meinen Augen. Kurios, erst gestern sah ich einen privat gedrehten Film, in dem ebenfalls ein Sperberweibchen eine Elster tötet. Auch hier wehrte sich die Beute heftig und sie kreischte erbärmlich. Das Weibchen hielt die Beute wie vor meinen Augen eisern fest, und machte sich – notgedrungen unbeholfen – zu Fuß in die Richtung eines Gartenteichs. Dann zog der Sperber die Elster ins Wasser und hielt, als hätte er das schon hundertmal gemacht, ihren Kopf unter Wasser. Das Kreischen der Elster erstarb und nach wenigen Minuten war sie tot. Nichts für zarte Gemüter. Doch, welch eine Leistung des Sperbers? Woher wusste er, dass die Beute bei untergetauchtem Kopf schnell sterben muss und ihm somit die Arbeit erleichtert ist? Hatte er bereits ähnliche Jagderfahrungen gesammelt? Konnte er, aus anderen Erlebnissen am Wasser hergeleitet - beim Trinken? - abstrahieren, dass ein längeres Untertauchens des Kopfes einer Beute deren Tod herbeiführt? Das werden wir nicht erfahren. Aber Vögel sind klug und lernfähig, das bestätigt inzwischen auch die Wissenschaft.

 

Im Vortrag eines Neurobiologen, den ich vor einigen Jahren an der Uni Hamburg hörte, stellte dieser das kognitive Potenzial von Raben, Krähen, Elstern, aber auch Papageien, mit dem von Menschenaffen oder Elefanten auf eine Stufe. So zeigte er im Film eine Elster, die eine von dem Wissenschaftler ins Federkleid des Vogels gebundene Stoffschlaufe erst nach einem Blick in den Spiegel, zu entfernen versuchte. Das bedeutet, so der Vortragende plausibel schildernd – wissenschaftlich korrekt hatte er viele vergleichende Versuche mit unmarkierten Elstern und anderen Tieren gemacht - dass sich die Elster im Spiegel erkannte. Solche Selbstwahrnehmung von Tieren ist nicht selbstverständlich und erst bei Schimpansen, Orang-Utans, Delfinen, Elefanten und eben auch bei Elstern und anderen Rabenvögeln nachgewiesen. Die an sich nicht dummen Hunde erkennen sich im Spiegel nicht, das zeigt nicht nur die Forschung, sondern auch die Alltagserfahrung mit diesen Tieren.

Der Neurobiologe sagte damals, dass lange Zeit den Vögeln solche intelligenten Leistungen nicht zugetraut wurden, da ihnen die Furchung der Schläfenlappen, wie bei vielen Säugetieren und am stärksten ausgeprägt bei Primaten und folgerichtig beim Homo sapiens, üblich, fehlt. Diese Furchung galt immer als Voraussetzung für hohe Intelligenz, doch, nun weiß man es, bei anderen Organismen geht es auch ohne. Wie ich finde, ist das ein weiterer Dämpfer für die Überlegenheitsanmaßung der Menschen. Schauen wir, was die Wissenschaft in 30 Jahren zu den Fähigkeiten anderer Tierarten sagt, z. B.  jenen der Krokodile. Mit diesen sind die Vögel nahe verwandt, aus den Krokodilen entstanden die Dinosaurier und heute sagt die Biologie, dass die Vögel zu den Dinosauriern zählen. Klingt kurios, lässt sich allerdings mittels zahlreicher Funde glaubhaft darstellen.

 

„Mein“ Sperberweibchen bewegt sich, nachdem es einige Minuten ganz nahe vor meinem Fenster saß, mit der Taube doch einige Meter fort. Obgleich ich mich sehr vorsichtig verhielt, nahm es meine Aufmerksamkeit wahr. Zum Glück wählt es einen weiterhin nahen und vor allem für mich einsichtigen Rupfplatz auf, wenngleich ich jetzt das Fernglas zu Hilfe nehme. Die Taube muss inzwischen tot sein, das Weibchen frisst und frisst. Es scheint hungrig zu sein. Wie wach und durchdringend sein Blick ist! Das Tier hat die Flügel leicht angehoben und angewinkelt. Dieses Erscheinungsbild wird von alters her kühn genannt und es symbolisiert für uns Wildheit und Verwegenheit. Die Heraldik ist reich an Darstellungen von Greifvögeln. Hierfür stand in erster Linie der große und mächtige Steinadler Modell, doch auch der Habicht wird öfter widergegeben. Apropos, ich habe gleich im Bestimmungsbuch nachgeschaut. Sperberweibchen sind nicht immer ganz einfach vom Habichtmännchen zu unterscheiden. Bei beiden Arten sind die Männchen um rund ein Drittel kleiner als die Männchen, was mit sich bringt, dass das Weibchen des Sperbers fast die Größe eines männlichen Habichts erreicht. Es gibt aber sichere Unterscheidungen, zumindest dann, wenn der Vogel so nahe ist. Beim Sperber, sowohl Männchen wie Weibchen, ist der Unterlauf, der Tarsus deutlich schlanker als bei Habichten beiderlei Geschlechts. Das Federkleid gibt übrigens bei erwachsenen Vögeln für die Unterscheidung wenig Hilfe, wenigstens nicht zwischen Sperberweibchen und Habichtmännchen. Das Sperbermännchen hat hingegen eine rötlich gebänderte (gesperberte) Brust und ist außerdem so klein, dass es von vornherein nicht als Habicht durchgeht. Dessen Weibchen trägt zwar dieselben Gefiedermerkmale wie das Männchen und auch das Sperberweibchen, ist allerdings so groß, dass sich hier die Frage ob Sperber oder Habicht, ebenfalls erübrigt. Habichte haben allerdings im Jugendkleid keine quergestreifte Brust sondern eine Längsstreifung. Sperber hingegen tragen die Querstreifen bereits im Jugendkleid. Das Tier vor meinem Fenster hat noch ein recht dunkles Gefieder, ein Jugendmerkmal bei beiden Arten. Da die Bruststreifen quer verläuft, ist im Verein mit dem schlanken Tarsus die Bestimmung Sperberweibchen eindeutig. Mehr als eine halbe Stunde kröpft der Vogel in meiner nächsten Nähe. Da ich nebenher weiter putze, schaue ich nicht durchgehend zu ihm hin. Irgendwann sehe ich nur noch ein großes Federbüschel, der Sperber ist verschwunden. Die für ihn verwertbaren Teile der Taube hat er mitgenommen, vermutlich war die Beute nun leicht genug, um sie zu einem günstigeren Rupfplatz tragen zu können. Vor meinem Fenster hinterlässt Accipiter nisus nichts weiter als das erwähnte Federbüschel und einige Blutstropfen. In meiner Erinnerung wird diese Beobachtung aber lange nachhallen.

 

 

Efeu 

Hamburg-Eimsbüttel, 20. Februar 2019

Vor der Fensterfront meiner kleinen Wohnung befindet sich eine kleine Gartenfläche von ca. 6 auf  5 Meter. Die meiste Zeit, die ich hierwohne, das sind jetzt bald 17 Jahre, überließ ich das Fleckchen völlig sich selber und Efeu, Brennnesseln, Brombeeren und Mahonien konnten sich nebst Feldahorn, Goldregen und zwei Wolligen Schneebällen kaum gehindert ausbreiten. Es liegt kaum drei Jahre zurück, dass mir der die meiste Zeit blütenarme Wildwuchs zu eintönig wurde. So begann ich das größte Stück des Gärtchens zu kultivieren, um eine Wildblumenwiese zum Blühen zu bringen. Ich entfernte die oberirdische Vegetation – außer den großen Bäumen und Sträuchern - und machte mich anfangs noch ein wenig unschlüssig daran, das Wurzelwerk zu lockern und ebenfalls zu entfernen. Was von Anfang an klar war, die Wurzeln zeigten sich hartnäckig, reichten zum Teil sehr tief und waren weit verzweigt. Den meisten Widerstand leistete der Efeu. Diese Kletterpflanze, Hedera helix, bildet, wenn sie auf Humus steht, kräftige Wurzeln aus und ein Gartenstück, das von ihm einmal durchwurzelt ist, lässt sich nur mit größter Mühe, wenn überhaupt, von ihm befreien. In den ersten beiden Jahren erwies sich das Aussäen von Wildblumen als erfolglos. Mein Garten kriegt zu wenig Sonne, er wird daher nur schwach aufgewärmt und der Boden trocknet nur langsam ab. Der schwere Lehmboden hält die Feuchtigkeit fest, und, das zeigten die Brennnesseln, er ist stickstoffgesättigt. Kein gutes Milieu für Wiesenblumen. Doch nun zum 20. Februar 2019: Ich hatte Samen von der Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi) im vergangenen Herbst besorgt. Diese rosa blühende Pflanze wächst auf feuchten und nährstoffreichen Wiesen. Daher kann ich mir vorstellen, dass die Lichtnelke sich auch bei mir heimisch fühlt. Zunächst möchte ich aber den Boden umgraben, was, so meine Überlegung, die Samenreifung erleichtert. Ich greife den Spaten und lege los. Zu Anfang geht er leicht in den Boden, doch bald gerate ich an die Efeuwurzeln und von nun an wird es mühsam. Die Tätigkeit des Umgrabens – in meiner süddeutschen Heimat auch Schoren genannt – ist mir vertraut. Ich bin es, bei unterschiedlichen Bodenarten, gewohnt, verhältnismäßig rasch voran zu kommen. Doch hier, angesichts des Efeus, wird das schwer. Bei fast jedem Spatenstich stoße ich auf Wurzelgeflecht, und so zäh und elastisch wie es ist, lässt es sich kaum durchtrennen. Nun kann ich in solchen Momenten großen Ehrgeiz entfalten. Nach knapp zwei Stunden bin ich mit dem umgraben fertig. Die umgegrabene Fläche umfasst gut 2/3 des Gärtchens. Wo das Relief am hinteren Rand ansteigt, bleibt alles unverändert, da mir sonst nach jedem Regen die Erde auf die Terrasse geschwemmt würde. Außerdem müsste ich dann auch die Wurzeln der Bäume entfernen, doch das würde ich, selbst wenn ich es wollte, nicht ohne Hilfe schaffen. Aber dennoch, ich habe lange  für das kleine Stück gebraucht. Normalerweise wäre ich mit dieser Fläche in einer halben Stunde fertig. Nicht so angesichts des Efeus.

 Und nun komme ich zu des „Pudels Kern“ meiner Geschichte. Beim Entfernen der hartnäckigen Wurzeln erwische ich mich beim Fluchen über deren Zähigkeit. Aber ebenso bewundere ich die Beharrlichkeit, mit der sich die Wurzeln und auch die oberflächlichen Teile des Efeus und anderer Sträucher zu behaupten wissen. Vegetieren ist das vom Substantiv Vegetation abgeleitete Verb, und bedeutet „ unbewusst vor sich hin leben“. Sehr oft wird vegetieren abwertend benutzt, so der Satz „Jemand vegetiert vor sich hin“. Ich will Pflanzen kein Bewusstsein zusprechen, doch ihre Form von vegetieren, verlangt höchsten Respekt. Mit welcher Ausdauer, mit welchen Anpassungen und in welchen vielfältigen Variationen sie Lebensräume immer wieder neu besiedeln, beleben, verändern, prägen, das ist etwas Wunderbares. Allein, dass sie zur Aufnahme von Nährsalzen, Spurenelementen und Wasser und um überhaupt einen Platz zu besetzen, Wurzeln ausbilden, die mindestens so groß wie die oberirdischen Pflanzenteile sind, verleitet zum Staunen. Erst die Pflanzen bauen mit der hochkomplexen Fotosynthese so ausreichend Biomasse auf, dass Tiere und auch Menschen

eine Nahrungsquelle haben. Ohne den bei der Fotosynthese frei werdenden Sauerstoff könnten weder Tier noch Mensch leben.

Der Efeu ist ein besonders ausdauernder Besiedler von einigermaßen feuchten Lebensräumen, wo eine gut ausgebildete Humusschicht existiert und hochragende Strukturen aus Bäumen, Felsen oder Mauern vorhanden sind. Der Efeu schmarotzt nicht bei den Bäumen, auf denen er wächst, doch kann sein Blattwerk, wenn es groß genug ist, mit dem Baum oder besser mit dessen Blättern in Konkurrenz um das Sonnenlicht treten. Außerdem kommt es vor, dass Bäume unter besonders mächtigem Efeubewuchs zusammenbrechen. Nach dem Umstürzen des Trägerbaums kann der Efeu selbst zum Baum heranwachsen (nach H. Kutzelnigg, R. Düll; Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch). Wie erfolgreich sich der Efeu auf dem humosen Erdboden behaupten kann, habe ich geschildert. Also, ein Hans Dampf in allen Gassen und, wenn nicht allen, dann zumindest sehr vielen Lebenslagen gewachsen. Genauso wie Brennnessel, Brombeere, Löwenzahn, Ackerdistel, Schachtelhalm und so viele mehr. Es scheint mir manchmal, viele Hobby- und berufliche Gärtner und Landwirte, angeregt nicht selten von den Einflüsterern aus der Agrarchemie, wollen eine Art  Ausrottungsfeldzug gegen all diese Pflanzen führen. Was sie dabei vergessen: diese sogenannten Unkräuter behaupten sich, weil sie eine hohe  Anpassungsfähigkeit besitzen. Oft genug schafft gerade die Art und Weise, wie Menschen die Böden bearbeiten und das Land bewirtschaften, die besten Voraussetzungen für das „Unkraut“. So profitieren Brennnessel, Efeu, Schachtelalm und Brombeere allesamt von den Stickstoffmengen, die durch Gülle- und Kunstdüngerausbringung und auch als Resultate von Verbrennungsprozessen aus Schornsteinen und Auspuffen, auf Wiesen und Felder, Wälder und Gärten gelangen. „Unkraut vergeht nicht“ ist ein geläufiges Sprichwort. Angesichts des Rückgangs vieler Ackerwildkräuter und Wiesenblumen trifft das nicht in jedem Fall zu. Doch es gehört keine Prophetie dazu, um festzustellen, dass die meisten der vielmals lästigen „Unkräuter“ den Homo sapiens überdauern werden.

Wir tun also gut daran, auch den unliebsamen Pflanzen mit Respekt zu begegnen. Einmal, weil uns nie mehr gelingen wird, als sie vorübergehend zu bekämpfen und zu verdrängen. Zum anderen, weil jede Pflanze mit ihrer Vielzahl an Lebensäußerungen etwas ganz Wunderbares ist. Und zum Dritten, wo wir dem, was so wild kreucht seinen Platz lassen, ersparen wir uns nicht nur Schweiß und Mühe, sondern geben auch der natürlichen Vielfalt ihren Raum.

Ein Nachtrag: Efeu ist in allen Teilen giftig, besonders sind das die Beeren. Wie bei den meisten Giftpflanzen schmecken sie aber so bitter, dass niemand auf die Idee kommen wird, mehrere davon aufzuessen. Der Efeu blüht im Herbst, er trägt unscheinbare weiße Blüten, die viel Nektar liefern. Das gibt ihm um diese Zeit nicht nur einen süßlichen Geruch, sondern macht ihn auch im Jahreslauf zu einer der letzten Futterquellen für blütenbesuchende Insekten.

Ich habe viel von dem feinen Wurzelwerk aus dem Boden gezogen, die Erde abgeschüttelt und die Wurzeln zu einem Haufen zusammengelegt. Nachdem ich zum ersten Mal den Garten umgegraben und die Wurzeln zur Seite gelegt hatte, fiel mir bald auf, dass zahlreiche Vögel nacheinander mein Gärtchen besuchten. Zuerst dachte ich, sie suchten Brotkörner, die ich nach den Mahlzeiten oft dort ausstreue oder sie fänden im umgegrabenen Boden nun einfacher Würmer und Insektenlarven. Mitnichten! Sie holten sich die feinen Wurzeln für den Nestbau. So kamen Gimpel, Grün- und Buchfink, Amsel und Singdrossel, ab und zu Blau- und Kohlmeise, aber auch Eichelhäher und Elster. Wie wir Menschen waren die Vögel sowohl gegenüber Artgenossen – ausgenommen dem eigenen Weibchen oder Männchen – wie anderen Arten, wenig tolerant und freigiebig. Obgleich die Wurzeln für viele Nester gereicht hätten, schaute jeder Vogel darauf, dass kein anderer sich ihrer bemächtigte. Wenn der Eichelhäher herankam, mussten die Kleineren alle weichen und er selbst flog auf, als sich die Elster niederließ. Nun bin ich gespannt, ob mit Beginn des Nestbaus in den nächsten Tagen und Wochen wieder so viele Vögel, putzig anzuschauen, nach den Wurzeln picken. Ebenso warte ich darauf, dass im Mai die Kuckucks-Lichtnelke aufblüht.

Begegnungen der besonderen Art

Duvenstedter Brook, 15. Februar 2019
Himmelmoor, 24. Februar 2019

 Es ist Mitte Februar, in wenigen Tagen wird Vollmond sein. Ich möchte diese hellen Abende für Beobachtungen im Duvenstedter Brook nutzen. Dieses große, weitläufige und vielgestaltige Schutzgebiet im Nordosten Hamburgs suche ich, seit ich in Hamburg lebe, regelmäßig auf. Hier brüten Kraniche, Graugänse, ein Uhupaar belegt seit einigen Jahren als Brutplatz eine Eiche genau am Hauptweg, wo an schönen Sonntagen hunderte Menschen direkt daran vorbeigehen. Der Seeadler ist dort inzwischen ebenfalls als Brutvogel nachgewiesen. Hier gibt es, wenn auch ehemals ausgesetzt, Rot- und Damhirsche, Wildschweine hinterlassen fast überall ihre Spuren und kleinere Säuger wie Fuchs und Feldhase, Baummarder und Dachs sind ebenfalls präsent. Hinzu kommen Kreuzotter und Ringelnatter, die Waldeidechse, im zeitigen Frühjahr machen sich Moor- und Grasfrösche und Erdkröten lautstark bemerkbar. Später stellen Laub- und Grünfrösche die Orchester an den Gewässern.

An den Duvenstedter Brook angrenzend, befinden sich der sehr naturbelassene Wohldorfer Wald, der von der Ammersbek durchflossen ist und im Westen die Niederung der Oberalster. Nachdem ich also das gesamte Gebiet seit gut 26 Jahren sehr gut kenne, erkunde ich inzwischen einen kleinen Streifen im Wohldorfer Wald und eine agrarisch genutzte Fläche nahe der Oberalster zur Brutvogelkartierung für den Hamburger Ornithologischen Arbeitskreis. An diesem Wochenende vor Vollmond möchte ich nun drei Tage am Stück im Gebiet verbringen. Am Abend des 15. Februar warte ich im zentralen Duvenstedter Brook auf die Rothirsche. Es ist ein sonniger und für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Tag. Nachmittags steigt das Thermometer auf 12° C. In der Nacht wird es allerdings kalt werden und Frost geben. Um 17°° beginnt es zu dämmern. Die Kraniche, es rasten im Augenblick rund 150 Vögel im Gebiet, fallen lautstark in ihre Schlafgebiete ein. Rund 300 Meter von mir entfernt rufen zwei erwachsene Seeadler lautstark im Duett. Das warme Wetter bringt sie in Balzstimmung. Neben den Kranichen fliegen auch Singschwäne zu ihren Schlafplätzen. Ich liebe sie, diese anmutigen Vögel mit dem reinen weißen Gefieder und den wehmütigen Rufen. Das übrige Vogelkonzert ist noch etwas verhalten, doch die Misteldrossel flötet schon ihre Strophen und das zarte Rotkehlchen gibt seine Melodie zum Besten.

Mit der Dämmerung erscheinen die Rothirsche auf der Bildfläche. Mehr als 40 Tiere sind es, Kühe, Schmaltiere und Kälber. Noch ist es hell genug um die Herde (in der Jägersprache Rudel) gut erkennen zu können. Fortwährend äugen sie, äsen immer nur kurz, um gleich wieder den Kopf aufzurichten und sich umzuschauen. Woher kommt die Unruhe? Einige hundert Meter oberhalb des Einstands befindet sich das Wohnhaus nebst Garten des Försters. Kommt von dort eine Störung? Das wäre möglich, allerdings werden die Hirsche mit der Anwesenheit des Försters und seiner Familie vertraut sein. Oder irritieren sie Geräusche oder optische Störungen, die von den Wanderwegen, die das Gebiet durchziehen, herkommen? Hektische Bewegungen von Spaziergängern, plötzlich aufflackerndes Licht von Fahrradlampen, andere menschliche Aktivitäten? Das kann sein, ist auch am wahrscheinlichsten. Aber dennoch! Indem ich die unruhigen Hirsche beobachte, hoffe ich, dass gleich ein Wolf beim Äsungsplatz erscheint. Soweit ich weiß, gibt es bisher noch keine Beobachtungen von Isegrim aus dem Duvenstedter Brook. Allerdings wechseln seit gut zehn Jahren regelmäßig Wölfe von Mecklenburg kommend im Lauenburgischen über die Elbe, durchqueren den Sachenwald, durchstreifen den Kreis Stormarn. Einzelne Tiere wanderten bis Dänemark, fanden auch dort zu Paaren und Rudeln zusammen und inzwischen kommen häufig Jungwölfe von dorther wieder nach Schleswig-Holstein. Im Augenblick sorgt ein aus Dänemark stammender Jungwolf (der allerdings ausgewachsen ist) im Kreis Pinneberg für erhebliche Unruhe, da er regelmäßig Schafe reißt. Um weiteren Rissen Einhalt zu gebieten und auch die „Volksseele“ nicht noch mehr zum Kochen zu bringen, darf er nach Ministererlass inzwischen abgeschossen werden. Vier Wochen nach der Abschussfreigabe konnte der Wolf aber immer noch nicht erlegt werden, was die Unruhe neuerlich anheizt. Das ist ein guter Hinweis darauf, dass die zuverlässigsten Maßnahmen gegen Wolfsattacken auf Weidetiere eben doch gute Schutzzäune und ausgebildete Herdenschutzhunde sind. Zurück zum Duvenstedter Brook: Die Hirsche bleiben unruhig, ihre Unsicherheit ist zu greifen. Es dauert nicht lange, bis sie sich zurückziehen und aus meinem Blickfeld verschwinden.

Vom Moor rufen Kraniche und Singschwäne, überfliegende Bläss- und Graugänse machen sich lautstark bemerkbar. Ich hoffe auf den Balzflug der Waldschnepfe. Wenngleich das Gelände im Mondschein gut ausgeleuchtet ist, wird auf größerer Entfernung die Sicht zusehends schlechter. Mehrere Damhirsche erscheinen zur Äsung, sie sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Eine gute dreiviertel Stunde nachdem sie verschwanden, kommen auch die Rothirsche wieder. Von ihrer vorherigen Unruhe ist nun nichts mehr zu spüren. Mein Warten auf den Wolf bleibt vergeblich. Wie schade!

Die Wahrscheinlichkeit, ihn zu sehen, ist grundsätzlich sehr gering. Auch in Gebieten, wo sich Wolfsrudel aufhalten, sind die Sichtungen sehr selten, wenngleich manche Medienberichte das Gegenteil suggerieren mögen. Doch dass der Wolf noch nie im Duvenstedter Brook gewesen sein soll, glaube ich nicht. Alle Wölfe, die von Süden und Osten kommend nach Schleswig-Holstein und Dänemark wanderten, müssen den ca. 40 km breiten Korridor zwischen Lübeck und Hamburg passieren. Im letzten Jahr wurde am helllichten Tage ein Wolf gefilmt, der über den Lütjensee trabte. Der liegt kaum 20 km vom Duvenstedter Brook entfernt. Erst diese Woche hörte ich von einer plausiblen Wolfssichtung nicht weit davon entfernt. Das heißt, ich darf weiterhin auf einen Wolf im Duvenstedter Brook hoffen.

Schon eine Woche später bin ich, bei wieder beeindruckendem Vorfrühlingswetter, im Quickborner Himmelmoor unterwegs. Auch dieses Gebiet kenne ich seit meinen frühen Hamburger Jahren, besonders deshalb, weil Freunde von mir ganz in der Nähe wohnten. Im Himmelmoor wurde und wird Torf abgebaut, die jüngste Abbaugenehmigung gilt bis zum Jahr 2021. Dann ist allerdings Schluss mit dem Abbau und der Betreiber des nahen Torfwerks wurde vom Naturschutzreferat des Landkreises Pinneberg verpflichtet, die abgetorften Flächen zu renaturieren. Moorrenaturierung ist eine sehr aufwändige Sache und Erfolge zeigen sich nur langsam. Die für die Abtorfung ehemals trocken gelegten Flächen müssen wieder dauerhaft vernässen, also nahezu im Wasser stehen. Als Folge erhält der Boden nur noch ganz wenig Sauerstoff, er wird sauer und in diesem Milieu setzen sich die Torfmoose durch. Sie geben zusätzlich Säure in den Boden ab, wachsen in die Breite und in die Höhe und die abgestorbenen Pflanzenteile verrotten im sauerstoffarmen Boden nur unvollständig. Aus ihnen wird der gefragte Torf. Die vom Torfmoos geprägten Regen- oder Hochmoore sind artenarme Lebensräume. Die wenigen Arten die hier existieren, können sich allerdings anderswo kaum behaupten, da bei günstigeren Bodenverhältnissen andere Organismen konkurrenzstärker sind. Eine Besonderheit des Hochmoors und einiger seiner Randbereiche sind die Sonnentauarten. Weil es dem Moorboden an Stickstoff (die Grundlage für die Eiweißsynthese) mangelt, fangen diese Pflanzen mit ihren drüsenreichen und klebrigen Fanghärchen, welche dicht beieinander die Blätter bevölkern, Insekten. Von der Pflanze abgegebene Enzyme zersetzen den Insektenkörper und ermöglichen die Aufnahme der freigewordenen Nährstoffe. Vom Insekt bleibt nur die Chitinhülle übrig. Andere Moorbesonderheiten sind das Schmalblättrige Wollgras, der Gagelstrauch, der Sumpf-Porst und Heidekrautgewächse wie Rosmarinheide, Moos, Krähen- und Rauschbeere. Wo deren Verwandte, die Glockenheide sich ausbreitet, wird der Boden trockener und nährstoffreicher und es bieten sich Nischen für das Pfeifengras. Pioniergehölze wie Moorbirke und Moorkiefer oder der Faulbaum beginnen sich durchzusetzen.

Dass das Himmelmoor renaturiert wird, freut mich. Inzwischen wurde auch die Bevölkerung der näheren und weiteren Umgebung auf die Schönheit des Gebiets aufmerksam. Wo früher nur vereinzelt Spaziergänger unterwegs waren, gibt es nun, besonders an schönen Sonntagen wie heute, richtige Massenaufläufe. Es ist schön, dass so viele Menschen Freude an der Natur empfinden, aber mir ist das doch etwas zu viel Betrieb. So bewege ich mich von den Hauptwegen weg und suche eine verschwiegenere Route. Über eine ziemlich nasse ehemalige Viehweide gelange ich in ein Bruchwäldchen, das von Birken dominiert ist. Es ist dort ein schmaler Pfad gebahnt, an seinem Rand wurden Birken geschlagen. Vermutlich geschah das, um die Wiedervernässung schneller voran zu bringen. Der Pfad, auf dem ich mich befinde, ist an den meisten Stellen kaum bewachsen, zumeist liegt der schwarze, trockengefallene Moorboden frei. Überall sehe ich die Hufspuren von  Rehen und Wildschweinen. Dazwischen ein Pfotenabdruck! Ich bin elektrisiert! Der Abdruck kann von einem Hund stammen. Falls das der Fall ist, war das Tier unbeaufsichtigt unterwegs, denn eine menschliche Fußspur finde ich nicht. Kommt hier ein Hund her? Das ist selbstverständlich möglich, allerdings befinde ich mich auf einer Fläche, die ziemlich abseits von den üblichen Wegen liegt. Ein Wolf?! Wie groß ist der Pfotenabdruck? Mit dem Schlüsselanhänger versuche ich, das herauszufinden. Ich komme auf eine Länge von 9 – 10 cm und eine Breite von 6 – 7 cm. Die Literatur gibt für eine Wolfspfote 10 – 12 cm Länge und 7 – 10 cm Breite an. „Meine“ Pfote befindet sich somit im unteren Größenbereich. Aber sie bleibt noch innerhalb der möglichen Spannweite und es könnte sich um ein schwächeres Tier handeln. Ein wichtiges Merkmal ist der Verlauf der Spur. Wölfe bewegen sich zumeist im gleichmäßigen Trab, die Schrittlänge (der Abstand von der vorderen Hinterpfote zur hinteren Vorderpfote) beträgt mehr als einen Meter. Leider ist der Boden nicht so beschaffen, dass ich Pfotenabdruck auf Pfotenabdruck erkennen kann. Es gibt Stellen, da ist er zu trocken für eine gute Spur, anderswo verwischt die Feuchte die Konturen oder der doch zwischendurch vorhandene Bodenbewuchs, macht die Spur unsichtbar. Dennoch finde ich auf einer Länge von gut 300 Metern in größeren Abständen immer wieder einzelne Abdrücke, von der Hinter- wie der Vorderpfote. Weiter komme ich nicht, da der Pfad in ein dichtes Birkengehölz übergeht. Was für meine Betrachtungen sehr wichtig ist, kann ich aber trotz des unvollständigen Spurbilds erkennen. Die Spur verläuft über die gesamte verfolgte Strecke in einer gleichmäßigen und geraden Linie. Das gilt als Charakteristikum der Wolfsfährte, denn Hunde, die grundsätzlich verspielter als Wölfe unterwegs sind, halten solch eine gleichmäßige Linie nicht über eine längere Entfernung durch. Nach den strengen Regeln des Wolfsmonitoring wird eine Fährte bei passender Pfotengröße und Schrittlänge, die 300 Meter in einer gleichmäßigen geraden Linie verläuft, als Wolfsnachweis anerkannt. An einer Stelle sind zwei Vorderpfoten nebeneinander abgedrückt, das Tier stand in diesem Moment quer auf dem Pfad. Längsseits des Pfads verlaufen auf beiden Seiten ehemalige Torfstiche, die wassergefüllt sind. Die Verwerfungen an ihren Rändern weisen darauf hin, dass sie ständig von Rehen, Wildschweinen und sicherlich auch anderen Tieren durchquert werden. Hat das Tier mit Pfoten, ob Wolf oder Hund, vor einem dieser Wildwechsel nach Beutetieren gespäht oder gewittert? War es unentschlossen, ob es einem der Wechsel folgen soll? Ich bleibe in meiner Bewertung zurückhaltend. Für einen Wolf sprechen die Geradlinigkeit der Spurbahn und die Abgelegenheit des Gebiets. Die Größe der einzelnen Pfote würde für einen Hund sprechen und selbstverständlich können streunende Hunde sich hier ebenfalls aufhalten. Aber warum sollte der Wolf, der sich nachweislich schon längere Zeit in diesem Teil des Landkreises Pinneberg aufhält, nicht gerade die versteckten Bereiche des Himmelsmoors als Ruheplatz oder zur Jagd aufsuchen?

Sei es im Duvenstedter Brook, sei es im Himmelmoor. Ob bei den geschilderten Beobachtungen tatsächlich ein Wolf im Spiel war, werde ich nicht erfahren. Der US-amerikanische Wildbiologe Aldo Leopold soll gesagt oder geschrieben haben: „Schon ein einzelner Bär in der Landschaft, gibt ihr einen ganz anderen Geruch“. Wenngleich ich für meine Schilderung den Bären durch einen Wolf ersetzen musste, glaube ich zu verstehen, was er damit meinte. Alleine die Möglichkeit, dass der Wolf hier war, ist ein prickelndes Gefühl und gibt meinen Erlebnissen in der Natur eine ganz besondere Note.   

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