Accipiter nisus         

 

                                                                                                              Hamburg-Eimsbüttel, 1. März 2019

 

 

Es ist bereits früher Nachmittag und ich bin zuhause und putze die Wohnung. Plötzlich flattert vor der Fensterscheibe Weißes und Flaumiges. Wieder ein unbedachter Hausmitbewohner, der Abfall aus dem Fenster kippt? Ich schaue genau hin. Das sitzt er, kaum drei Meter entfernt, nur durch die Scheibe von mir getrennt: Accipiter nisus, der Sperber und kleine Vetter des Habichts. Genaugenommen ist es ein Sperberweibchen, das zeigt mir schon sein augenblickliches Tun. Es hockt auf einer Ringeltaube am Boden, die Taube zappelt und wehrt sich noch. Der Sperber muss fest zupacken und hat seine Klauen tief in die Beute geschlagen. Weshalb zeigt das Tun ein Sperberweibchen an? Für das deutlich kleinere Männchen wäre eine Taube als Beute einfach zu groß. Selbst das Weibchen ist kleiner und leichter als die Taube. Ich bin gebannt, gespannt, gefesselt. Solch eine Beobachtung! Ganz nahe und fast mit der Hand zu greifen! Noch zuckt die Taube. Das hindert den Sperber nicht daran, mit dem Rupfen und Kröpfen anzufangen. Er beginnt an der Brust, reißt Federn weg und verleibt sich die ersten Fleischstücke ein. Ich gehe vom Fenster zurück, möchte, dass der Sperber bleibt und mir das Geschehen nicht verloren geht. Nach einigen Minuten flattert er noch ein wenig hin zu meinem Fenster, die Taube dabei unerbittlich in den Klauen haltend. Das alles geschieht nun einen Meter vor meinen Augen. Kurios, erst gestern sah ich einen privat gedrehten Film, in dem ebenfalls ein Sperberweibchen eine Elster tötet. Auch hier wehrte sich die Beute heftig und sie kreischte erbärmlich. Das Weibchen hielt die Beute wie vor meinen Augen eisern fest, und machte sich – notgedrungen unbeholfen – zu Fuß in die Richtung eines Gartenteichs. Dann zog der Sperber die Elster ins Wasser und hielt, als hätte er das schon hundertmal gemacht, ihren Kopf unter Wasser. Das Kreischen der Elster erstarb und nach wenigen Minuten war sie tot. Nichts für zarte Gemüter. Doch, welch eine Leistung des Sperbers? Woher wusste er, dass die Beute bei untergetauchtem Kopf schnell sterben muss und ihm somit die Arbeit erleichtert ist? Hatte er bereits ähnliche Jagderfahrungen gesammelt? Konnte er, aus anderen Erlebnissen am Wasser hergeleitet - beim Trinken? - abstrahieren, dass ein längeres Untertauchens des Kopfes einer Beute deren Tod herbeiführt? Das werden wir nicht erfahren. Aber Vögel sind klug und lernfähig, das bestätigt inzwischen auch die Wissenschaft.

 

Im Vortrag eines Neurobiologen, den ich vor einigen Jahren an der Uni Hamburg hörte, stellte dieser das kognitive Potenzial von Raben, Krähen, Elstern, aber auch Papageien, mit dem von Menschenaffen oder Elefanten auf eine Stufe. So zeigte er im Film eine Elster, die eine von dem Wissenschaftler ins Federkleid des Vogels gebundene Stoffschlaufe erst nach einem Blick in den Spiegel, zu entfernen versuchte. Das bedeutet, so der Vortragende plausibel schildernd – wissenschaftlich korrekt hatte er viele vergleichende Versuche mit unmarkierten Elstern und anderen Tieren gemacht - dass sich die Elster im Spiegel erkannte. Solche Selbstwahrnehmung von Tieren ist nicht selbstverständlich und erst bei Schimpansen, Orang-Utans, Delfinen, Elefanten und eben auch bei Elstern und anderen Rabenvögeln nachgewiesen. Die an sich nicht dummen Hunde erkennen sich im Spiegel nicht, das zeigt nicht nur die Forschung, sondern auch die Alltagserfahrung mit diesen Tieren.

Der Neurobiologe sagte damals, dass lange Zeit den Vögeln solche intelligenten Leistungen nicht zugetraut wurden, da ihnen die Furchung der Schläfenlappen, wie bei vielen Säugetieren und am stärksten ausgeprägt bei Primaten und folgerichtig beim Homo sapiens, üblich, fehlt. Diese Furchung galt immer als Voraussetzung für hohe Intelligenz, doch, nun weiß man es, bei anderen Organismen geht es auch ohne. Wie ich finde, ist das ein weiterer Dämpfer für die Überlegenheitsanmaßung der Menschen. Schauen wir, was die Wissenschaft in 30 Jahren zu den Fähigkeiten anderer Tierarten sagt, z. B.  jenen der Krokodile. Mit diesen sind die Vögel nahe verwandt, aus den Krokodilen entstanden die Dinosaurier und heute sagt die Biologie, dass die Vögel zu den Dinosauriern zählen. Klingt kurios, lässt sich allerdings mittels zahlreicher Funde glaubhaft darstellen.

 

„Mein“ Sperberweibchen bewegt sich, nachdem es einige Minuten ganz nahe vor meinem Fenster saß, mit der Taube doch einige Meter fort. Obgleich ich mich sehr vorsichtig verhielt, nahm es meine Aufmerksamkeit wahr. Zum Glück wählt es einen weiterhin nahen und vor allem für mich einsichtigen Rupfplatz auf, wenngleich ich jetzt das Fernglas zu Hilfe nehme. Die Taube muss inzwischen tot sein, das Weibchen frisst und frisst. Es scheint hungrig zu sein. Wie wach und durchdringend sein Blick ist! Das Tier hat die Flügel leicht angehoben und angewinkelt. Dieses Erscheinungsbild wird von alters her kühn genannt und es symbolisiert für uns Wildheit und Verwegenheit. Die Heraldik ist reich an Darstellungen von Greifvögeln. Hierfür stand in erster Linie der große und mächtige Steinadler Modell, doch auch der Habicht wird öfter widergegeben. Apropos, ich habe gleich im Bestimmungsbuch nachgeschaut. Sperberweibchen sind nicht immer ganz einfach vom Habichtmännchen zu unterscheiden. Bei beiden Arten sind die Männchen um rund ein Drittel kleiner als die Männchen, was mit sich bringt, dass das Weibchen des Sperbers fast die Größe eines männlichen Habichts erreicht. Es gibt aber sichere Unterscheidungen, zumindest dann, wenn der Vogel so nahe ist. Beim Sperber, sowohl Männchen wie Weibchen, ist der Unterlauf, der Tarsus deutlich schlanker als bei Habichten beiderlei Geschlechts. Das Federkleid gibt übrigens bei erwachsenen Vögeln für die Unterscheidung wenig Hilfe, wenigstens nicht zwischen Sperberweibchen und Habichtmännchen. Das Sperbermännchen hat hingegen eine rötlich gebänderte (gesperberte) Brust und ist außerdem so klein, dass es von vornherein nicht als Habicht durchgeht. Dessen Weibchen trägt zwar dieselben Gefiedermerkmale wie das Männchen und auch das Sperberweibchen, ist allerdings so groß, dass sich hier die Frage ob Sperber oder Habicht, ebenfalls erübrigt. Habichte haben allerdings im Jugendkleid keine quergestreifte Brust sondern eine Längsstreifung. Sperber hingegen tragen die Querstreifen bereits im Jugendkleid. Das Tier vor meinem Fenster hat noch ein recht dunkles Gefieder, ein Jugendmerkmal bei beiden Arten. Da die Bruststreifen quer verläuft, ist im Verein mit dem schlanken Tarsus die Bestimmung Sperberweibchen eindeutig. Mehr als eine halbe Stunde kröpft der Vogel in meiner nächsten Nähe. Da ich nebenher weiter putze, schaue ich nicht durchgehend zu ihm hin. Irgendwann sehe ich nur noch ein großes Federbüschel, der Sperber ist verschwunden. Die für ihn verwertbaren Teile der Taube hat er mitgenommen, vermutlich war die Beute nun leicht genug, um sie zu einem günstigeren Rupfplatz tragen zu können. Vor meinem Fenster hinterlässt Accipiter nisus nichts weiter als das erwähnte Federbüschel und einige Blutstropfen. In meiner Erinnerung wird diese Beobachtung aber lange nachhallen.

 

 

Efeu 

Hamburg-Eimsbüttel, 20. Februar 2019

Vor der Fensterfront meiner kleinen Wohnung befindet sich eine kleine Gartenfläche von ca. 6 auf  5 Meter. Die meiste Zeit, die ich hierwohne, das sind jetzt bald 17 Jahre, überließ ich das Fleckchen völlig sich selber und Efeu, Brennnesseln, Brombeeren und Mahonien konnten sich nebst Feldahorn, Goldregen und zwei Wolligen Schneebällen kaum gehindert ausbreiten. Es liegt kaum drei Jahre zurück, dass mir der die meiste Zeit blütenarme Wildwuchs zu eintönig wurde. So begann ich das größte Stück des Gärtchens zu kultivieren, um eine Wildblumenwiese zum Blühen zu bringen. Ich entfernte die oberirdische Vegetation – außer den großen Bäumen und Sträuchern - und machte mich anfangs noch ein wenig unschlüssig daran, das Wurzelwerk zu lockern und ebenfalls zu entfernen. Was von Anfang an klar war, die Wurzeln zeigten sich hartnäckig, reichten zum Teil sehr tief und waren weit verzweigt. Den meisten Widerstand leistete der Efeu. Diese Kletterpflanze, Hedera helix, bildet, wenn sie auf Humus steht, kräftige Wurzeln aus und ein Gartenstück, das von ihm einmal durchwurzelt ist, lässt sich nur mit größter Mühe, wenn überhaupt, von ihm befreien. In den ersten beiden Jahren erwies sich das Aussäen von Wildblumen als erfolglos. Mein Garten kriegt zu wenig Sonne, er wird daher nur schwach aufgewärmt und der Boden trocknet nur langsam ab. Der schwere Lehmboden hält die Feuchtigkeit fest, und, das zeigten die Brennnesseln, er ist stickstoffgesättigt. Kein gutes Milieu für Wiesenblumen. Doch nun zum 20. Februar 2019: Ich hatte Samen von der Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi) im vergangenen Herbst besorgt. Diese rosa blühende Pflanze wächst auf feuchten und nährstoffreichen Wiesen. Daher kann ich mir vorstellen, dass die Lichtnelke sich auch bei mir heimisch fühlt. Zunächst möchte ich aber den Boden umgraben, was, so meine Überlegung, die Samenreifung erleichtert. Ich greife den Spaten und lege los. Zu Anfang geht er leicht in den Boden, doch bald gerate ich an die Efeuwurzeln und von nun an wird es mühsam. Die Tätigkeit des Umgrabens – in meiner süddeutschen Heimat auch Schoren genannt – ist mir vertraut. Ich bin es, bei unterschiedlichen Bodenarten, gewohnt, verhältnismäßig rasch voran zu kommen. Doch hier, angesichts des Efeus, wird das schwer. Bei fast jedem Spatenstich stoße ich auf Wurzelgeflecht, und so zäh und elastisch wie es ist, lässt es sich kaum durchtrennen. Nun kann ich in solchen Momenten großen Ehrgeiz entfalten. Nach knapp zwei Stunden bin ich mit dem umgraben fertig. Die umgegrabene Fläche umfasst gut 2/3 des Gärtchens. Wo das Relief am hinteren Rand ansteigt, bleibt alles unverändert, da mir sonst nach jedem Regen die Erde auf die Terrasse geschwemmt würde. Außerdem müsste ich dann auch die Wurzeln der Bäume entfernen, doch das würde ich, selbst wenn ich es wollte, nicht ohne Hilfe schaffen. Aber dennoch, ich habe lange  für das kleine Stück gebraucht. Normalerweise wäre ich mit dieser Fläche in einer halben Stunde fertig. Nicht so angesichts des Efeus.

 Und nun komme ich zu des „Pudels Kern“ meiner Geschichte. Beim Entfernen der hartnäckigen Wurzeln erwische ich mich beim Fluchen über deren Zähigkeit. Aber ebenso bewundere ich die Beharrlichkeit, mit der sich die Wurzeln und auch die oberflächlichen Teile des Efeus und anderer Sträucher zu behaupten wissen. Vegetieren ist das vom Substantiv Vegetation abgeleitete Verb, und bedeutet „ unbewusst vor sich hin leben“. Sehr oft wird vegetieren abwertend benutzt, so der Satz „Jemand vegetiert vor sich hin“. Ich will Pflanzen kein Bewusstsein zusprechen, doch ihre Form von vegetieren, verlangt höchsten Respekt. Mit welcher Ausdauer, mit welchen Anpassungen und in welchen vielfältigen Variationen sie Lebensräume immer wieder neu besiedeln, beleben, verändern, prägen, das ist etwas Wunderbares. Allein, dass sie zur Aufnahme von Nährsalzen, Spurenelementen und Wasser und um überhaupt einen Platz zu besetzen, Wurzeln ausbilden, die mindestens so groß wie die oberirdischen Pflanzenteile sind, verleitet zum Staunen. Erst die Pflanzen bauen mit der hochkomplexen Fotosynthese so ausreichend Biomasse auf, dass Tiere und auch Menschen

eine Nahrungsquelle haben. Ohne den bei der Fotosynthese frei werdenden Sauerstoff könnten weder Tier noch Mensch leben.

Der Efeu ist ein besonders ausdauernder Besiedler von einigermaßen feuchten Lebensräumen, wo eine gut ausgebildete Humusschicht existiert und hochragende Strukturen aus Bäumen, Felsen oder Mauern vorhanden sind. Der Efeu schmarotzt nicht bei den Bäumen, auf denen er wächst, doch kann sein Blattwerk, wenn es groß genug ist, mit dem Baum oder besser mit dessen Blättern in Konkurrenz um das Sonnenlicht treten. Außerdem kommt es vor, dass Bäume unter besonders mächtigem Efeubewuchs zusammenbrechen. Nach dem Umstürzen des Trägerbaums kann der Efeu selbst zum Baum heranwachsen (nach H. Kutzelnigg, R. Düll; Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch). Wie erfolgreich sich der Efeu auf dem humosen Erdboden behaupten kann, habe ich geschildert. Also, ein Hans Dampf in allen Gassen und, wenn nicht allen, dann zumindest sehr vielen Lebenslagen gewachsen. Genauso wie Brennnessel, Brombeere, Löwenzahn, Ackerdistel, Schachtelhalm und so viele mehr. Es scheint mir manchmal, viele Hobby- und berufliche Gärtner und Landwirte, angeregt nicht selten von den Einflüsterern aus der Agrarchemie, wollen eine Art  Ausrottungsfeldzug gegen all diese Pflanzen führen. Was sie dabei vergessen: diese sogenannten Unkräuter behaupten sich, weil sie eine hohe  Anpassungsfähigkeit besitzen. Oft genug schafft gerade die Art und Weise, wie Menschen die Böden bearbeiten und das Land bewirtschaften, die besten Voraussetzungen für das „Unkraut“. So profitieren Brennnessel, Efeu, Schachtelalm und Brombeere allesamt von den Stickstoffmengen, die durch Gülle- und Kunstdüngerausbringung und auch als Resultate von Verbrennungsprozessen aus Schornsteinen und Auspuffen, auf Wiesen und Felder, Wälder und Gärten gelangen. „Unkraut vergeht nicht“ ist ein geläufiges Sprichwort. Angesichts des Rückgangs vieler Ackerwildkräuter und Wiesenblumen trifft das nicht in jedem Fall zu. Doch es gehört keine Prophetie dazu, um festzustellen, dass die meisten der vielmals lästigen „Unkräuter“ den Homo sapiens überdauern werden.

Wir tun also gut daran, auch den unliebsamen Pflanzen mit Respekt zu begegnen. Einmal, weil uns nie mehr gelingen wird, als sie vorübergehend zu bekämpfen und zu verdrängen. Zum anderen, weil jede Pflanze mit ihrer Vielzahl an Lebensäußerungen etwas ganz Wunderbares ist. Und zum Dritten, wo wir dem, was so wild kreucht seinen Platz lassen, ersparen wir uns nicht nur Schweiß und Mühe, sondern geben auch der natürlichen Vielfalt ihren Raum.

Ein Nachtrag: Efeu ist in allen Teilen giftig, besonders sind das die Beeren. Wie bei den meisten Giftpflanzen schmecken sie aber so bitter, dass niemand auf die Idee kommen wird, mehrere davon aufzuessen. Der Efeu blüht im Herbst, er trägt unscheinbare weiße Blüten, die viel Nektar liefern. Das gibt ihm um diese Zeit nicht nur einen süßlichen Geruch, sondern macht ihn auch im Jahreslauf zu einer der letzten Futterquellen für blütenbesuchende Insekten.

Ich habe viel von dem feinen Wurzelwerk aus dem Boden gezogen, die Erde abgeschüttelt und die Wurzeln zu einem Haufen zusammengelegt. Nachdem ich zum ersten Mal den Garten umgegraben und die Wurzeln zur Seite gelegt hatte, fiel mir bald auf, dass zahlreiche Vögel nacheinander mein Gärtchen besuchten. Zuerst dachte ich, sie suchten Brotkörner, die ich nach den Mahlzeiten oft dort ausstreue oder sie fänden im umgegrabenen Boden nun einfacher Würmer und Insektenlarven. Mitnichten! Sie holten sich die feinen Wurzeln für den Nestbau. So kamen Gimpel, Grün- und Buchfink, Amsel und Singdrossel, ab und zu Blau- und Kohlmeise, aber auch Eichelhäher und Elster. Wie wir Menschen waren die Vögel sowohl gegenüber Artgenossen – ausgenommen dem eigenen Weibchen oder Männchen – wie anderen Arten, wenig tolerant und freigiebig. Obgleich die Wurzeln für viele Nester gereicht hätten, schaute jeder Vogel darauf, dass kein anderer sich ihrer bemächtigte. Wenn der Eichelhäher herankam, mussten die Kleineren alle weichen und er selbst flog auf, als sich die Elster niederließ. Nun bin ich gespannt, ob mit Beginn des Nestbaus in den nächsten Tagen und Wochen wieder so viele Vögel, putzig anzuschauen, nach den Wurzeln picken. Ebenso warte ich darauf, dass im Mai die Kuckucks-Lichtnelke aufblüht.

Begegnungen der besonderen Art

Duvenstedter Brook, 15. Februar 2019
Himmelmoor, 24. Februar 2019

 Es ist Mitte Februar, in wenigen Tagen wird Vollmond sein. Ich möchte diese hellen Abende für Beobachtungen im Duvenstedter Brook nutzen. Dieses große, weitläufige und vielgestaltige Schutzgebiet im Nordosten Hamburgs suche ich, seit ich in Hamburg lebe, regelmäßig auf. Hier brüten Kraniche, Graugänse, ein Uhupaar belegt seit einigen Jahren als Brutplatz eine Eiche genau am Hauptweg, wo an schönen Sonntagen hunderte Menschen direkt daran vorbeigehen. Der Seeadler ist dort inzwischen ebenfalls als Brutvogel nachgewiesen. Hier gibt es, wenn auch ehemals ausgesetzt, Rot- und Damhirsche, Wildschweine hinterlassen fast überall ihre Spuren und kleinere Säuger wie Fuchs und Feldhase, Baummarder und Dachs sind ebenfalls präsent. Hinzu kommen Kreuzotter und Ringelnatter, die Waldeidechse, im zeitigen Frühjahr machen sich Moor- und Grasfrösche und Erdkröten lautstark bemerkbar. Später stellen Laub- und Grünfrösche die Orchester an den Gewässern.

An den Duvenstedter Brook angrenzend, befinden sich der sehr naturbelassene Wohldorfer Wald, der von der Ammersbek durchflossen ist und im Westen die Niederung der Oberalster. Nachdem ich also das gesamte Gebiet seit gut 26 Jahren sehr gut kenne, erkunde ich inzwischen einen kleinen Streifen im Wohldorfer Wald und eine agrarisch genutzte Fläche nahe der Oberalster zur Brutvogelkartierung für den Hamburger Ornithologischen Arbeitskreis. An diesem Wochenende vor Vollmond möchte ich nun drei Tage am Stück im Gebiet verbringen. Am Abend des 15. Februar warte ich im zentralen Duvenstedter Brook auf die Rothirsche. Es ist ein sonniger und für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Tag. Nachmittags steigt das Thermometer auf 12° C. In der Nacht wird es allerdings kalt werden und Frost geben. Um 17°° beginnt es zu dämmern. Die Kraniche, es rasten im Augenblick rund 150 Vögel im Gebiet, fallen lautstark in ihre Schlafgebiete ein. Rund 300 Meter von mir entfernt rufen zwei erwachsene Seeadler lautstark im Duett. Das warme Wetter bringt sie in Balzstimmung. Neben den Kranichen fliegen auch Singschwäne zu ihren Schlafplätzen. Ich liebe sie, diese anmutigen Vögel mit dem reinen weißen Gefieder und den wehmütigen Rufen. Das übrige Vogelkonzert ist noch etwas verhalten, doch die Misteldrossel flötet schon ihre Strophen und das zarte Rotkehlchen gibt seine Melodie zum Besten.

Mit der Dämmerung erscheinen die Rothirsche auf der Bildfläche. Mehr als 40 Tiere sind es, Kühe, Schmaltiere und Kälber. Noch ist es hell genug um die Herde (in der Jägersprache Rudel) gut erkennen zu können. Fortwährend äugen sie, äsen immer nur kurz, um gleich wieder den Kopf aufzurichten und sich umzuschauen. Woher kommt die Unruhe? Einige hundert Meter oberhalb des Einstands befindet sich das Wohnhaus nebst Garten des Försters. Kommt von dort eine Störung? Das wäre möglich, allerdings werden die Hirsche mit der Anwesenheit des Försters und seiner Familie vertraut sein. Oder irritieren sie Geräusche oder optische Störungen, die von den Wanderwegen, die das Gebiet durchziehen, herkommen? Hektische Bewegungen von Spaziergängern, plötzlich aufflackerndes Licht von Fahrradlampen, andere menschliche Aktivitäten? Das kann sein, ist auch am wahrscheinlichsten. Aber dennoch! Indem ich die unruhigen Hirsche beobachte, hoffe ich, dass gleich ein Wolf beim Äsungsplatz erscheint. Soweit ich weiß, gibt es bisher noch keine Beobachtungen von Isegrim aus dem Duvenstedter Brook. Allerdings wechseln seit gut zehn Jahren regelmäßig Wölfe von Mecklenburg kommend im Lauenburgischen über die Elbe, durchqueren den Sachenwald, durchstreifen den Kreis Stormarn. Einzelne Tiere wanderten bis Dänemark, fanden auch dort zu Paaren und Rudeln zusammen und inzwischen kommen häufig Jungwölfe von dorther wieder nach Schleswig-Holstein. Im Augenblick sorgt ein aus Dänemark stammender Jungwolf (der allerdings ausgewachsen ist) im Kreis Pinneberg für erhebliche Unruhe, da er regelmäßig Schafe reißt. Um weiteren Rissen Einhalt zu gebieten und auch die „Volksseele“ nicht noch mehr zum Kochen zu bringen, darf er nach Ministererlass inzwischen abgeschossen werden. Vier Wochen nach der Abschussfreigabe konnte der Wolf aber immer noch nicht erlegt werden, was die Unruhe neuerlich anheizt. Das ist ein guter Hinweis darauf, dass die zuverlässigsten Maßnahmen gegen Wolfsattacken auf Weidetiere eben doch gute Schutzzäune und ausgebildete Herdenschutzhunde sind. Zurück zum Duvenstedter Brook: Die Hirsche bleiben unruhig, ihre Unsicherheit ist zu greifen. Es dauert nicht lange, bis sie sich zurückziehen und aus meinem Blickfeld verschwinden.

Vom Moor rufen Kraniche und Singschwäne, überfliegende Bläss- und Graugänse machen sich lautstark bemerkbar. Ich hoffe auf den Balzflug der Waldschnepfe. Wenngleich das Gelände im Mondschein gut ausgeleuchtet ist, wird auf größerer Entfernung die Sicht zusehends schlechter. Mehrere Damhirsche erscheinen zur Äsung, sie sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Eine gute dreiviertel Stunde nachdem sie verschwanden, kommen auch die Rothirsche wieder. Von ihrer vorherigen Unruhe ist nun nichts mehr zu spüren. Mein Warten auf den Wolf bleibt vergeblich. Wie schade!

Die Wahrscheinlichkeit, ihn zu sehen, ist grundsätzlich sehr gering. Auch in Gebieten, wo sich Wolfsrudel aufhalten, sind die Sichtungen sehr selten, wenngleich manche Medienberichte das Gegenteil suggerieren mögen. Doch dass der Wolf noch nie im Duvenstedter Brook gewesen sein soll, glaube ich nicht. Alle Wölfe, die von Süden und Osten kommend nach Schleswig-Holstein und Dänemark wanderten, müssen den ca. 40 km breiten Korridor zwischen Lübeck und Hamburg passieren. Im letzten Jahr wurde am helllichten Tage ein Wolf gefilmt, der über den Lütjensee trabte. Der liegt kaum 20 km vom Duvenstedter Brook entfernt. Erst diese Woche hörte ich von einer plausiblen Wolfssichtung nicht weit davon entfernt. Das heißt, ich darf weiterhin auf einen Wolf im Duvenstedter Brook hoffen.

Schon eine Woche später bin ich, bei wieder beeindruckendem Vorfrühlingswetter, im Quickborner Himmelmoor unterwegs. Auch dieses Gebiet kenne ich seit meinen frühen Hamburger Jahren, besonders deshalb, weil Freunde von mir ganz in der Nähe wohnten. Im Himmelmoor wurde und wird Torf abgebaut, die jüngste Abbaugenehmigung gilt bis zum Jahr 2021. Dann ist allerdings Schluss mit dem Abbau und der Betreiber des nahen Torfwerks wurde vom Naturschutzreferat des Landkreises Pinneberg verpflichtet, die abgetorften Flächen zu renaturieren. Moorrenaturierung ist eine sehr aufwändige Sache und Erfolge zeigen sich nur langsam. Die für die Abtorfung ehemals trocken gelegten Flächen müssen wieder dauerhaft vernässen, also nahezu im Wasser stehen. Als Folge erhält der Boden nur noch ganz wenig Sauerstoff, er wird sauer und in diesem Milieu setzen sich die Torfmoose durch. Sie geben zusätzlich Säure in den Boden ab, wachsen in die Breite und in die Höhe und die abgestorbenen Pflanzenteile verrotten im sauerstoffarmen Boden nur unvollständig. Aus ihnen wird der gefragte Torf. Die vom Torfmoos geprägten Regen- oder Hochmoore sind artenarme Lebensräume. Die wenigen Arten die hier existieren, können sich allerdings anderswo kaum behaupten, da bei günstigeren Bodenverhältnissen andere Organismen konkurrenzstärker sind. Eine Besonderheit des Hochmoors und einiger seiner Randbereiche sind die Sonnentauarten. Weil es dem Moorboden an Stickstoff (die Grundlage für die Eiweißsynthese) mangelt, fangen diese Pflanzen mit ihren drüsenreichen und klebrigen Fanghärchen, welche dicht beieinander die Blätter bevölkern, Insekten. Von der Pflanze abgegebene Enzyme zersetzen den Insektenkörper und ermöglichen die Aufnahme der freigewordenen Nährstoffe. Vom Insekt bleibt nur die Chitinhülle übrig. Andere Moorbesonderheiten sind das Schmalblättrige Wollgras, der Gagelstrauch, der Sumpf-Porst und Heidekrautgewächse wie Rosmarinheide, Moos, Krähen- und Rauschbeere. Wo deren Verwandte, die Glockenheide sich ausbreitet, wird der Boden trockener und nährstoffreicher und es bieten sich Nischen für das Pfeifengras. Pioniergehölze wie Moorbirke und Moorkiefer oder der Faulbaum beginnen sich durchzusetzen.

Dass das Himmelmoor renaturiert wird, freut mich. Inzwischen wurde auch die Bevölkerung der näheren und weiteren Umgebung auf die Schönheit des Gebiets aufmerksam. Wo früher nur vereinzelt Spaziergänger unterwegs waren, gibt es nun, besonders an schönen Sonntagen wie heute, richtige Massenaufläufe. Es ist schön, dass so viele Menschen Freude an der Natur empfinden, aber mir ist das doch etwas zu viel Betrieb. So bewege ich mich von den Hauptwegen weg und suche eine verschwiegenere Route. Über eine ziemlich nasse ehemalige Viehweide gelange ich in ein Bruchwäldchen, das von Birken dominiert ist. Es ist dort ein schmaler Pfad gebahnt, an seinem Rand wurden Birken geschlagen. Vermutlich geschah das, um die Wiedervernässung schneller voran zu bringen. Der Pfad, auf dem ich mich befinde, ist an den meisten Stellen kaum bewachsen, zumeist liegt der schwarze, trockengefallene Moorboden frei. Überall sehe ich die Hufspuren von  Rehen und Wildschweinen. Dazwischen ein Pfotenabdruck! Ich bin elektrisiert! Der Abdruck kann von einem Hund stammen. Falls das der Fall ist, war das Tier unbeaufsichtigt unterwegs, denn eine menschliche Fußspur finde ich nicht. Kommt hier ein Hund her? Das ist selbstverständlich möglich, allerdings befinde ich mich auf einer Fläche, die ziemlich abseits von den üblichen Wegen liegt. Ein Wolf?! Wie groß ist der Pfotenabdruck? Mit dem Schlüsselanhänger versuche ich, das herauszufinden. Ich komme auf eine Länge von 9 – 10 cm und eine Breite von 6 – 7 cm. Die Literatur gibt für eine Wolfspfote 10 – 12 cm Länge und 7 – 10 cm Breite an. „Meine“ Pfote befindet sich somit im unteren Größenbereich. Aber sie bleibt noch innerhalb der möglichen Spannweite und es könnte sich um ein schwächeres Tier handeln. Ein wichtiges Merkmal ist der Verlauf der Spur. Wölfe bewegen sich zumeist im gleichmäßigen Trab, die Schrittlänge (der Abstand von der vorderen Hinterpfote zur hinteren Vorderpfote) beträgt mehr als einen Meter. Leider ist der Boden nicht so beschaffen, dass ich Pfotenabdruck auf Pfotenabdruck erkennen kann. Es gibt Stellen, da ist er zu trocken für eine gute Spur, anderswo verwischt die Feuchte die Konturen oder der doch zwischendurch vorhandene Bodenbewuchs, macht die Spur unsichtbar. Dennoch finde ich auf einer Länge von gut 300 Metern in größeren Abständen immer wieder einzelne Abdrücke, von der Hinter- wie der Vorderpfote. Weiter komme ich nicht, da der Pfad in ein dichtes Birkengehölz übergeht. Was für meine Betrachtungen sehr wichtig ist, kann ich aber trotz des unvollständigen Spurbilds erkennen. Die Spur verläuft über die gesamte verfolgte Strecke in einer gleichmäßigen und geraden Linie. Das gilt als Charakteristikum der Wolfsfährte, denn Hunde, die grundsätzlich verspielter als Wölfe unterwegs sind, halten solch eine gleichmäßige Linie nicht über eine längere Entfernung durch. Nach den strengen Regeln des Wolfsmonitoring wird eine Fährte bei passender Pfotengröße und Schrittlänge, die 300 Meter in einer gleichmäßigen geraden Linie verläuft, als Wolfsnachweis anerkannt. An einer Stelle sind zwei Vorderpfoten nebeneinander abgedrückt, das Tier stand in diesem Moment quer auf dem Pfad. Längsseits des Pfads verlaufen auf beiden Seiten ehemalige Torfstiche, die wassergefüllt sind. Die Verwerfungen an ihren Rändern weisen darauf hin, dass sie ständig von Rehen, Wildschweinen und sicherlich auch anderen Tieren durchquert werden. Hat das Tier mit Pfoten, ob Wolf oder Hund, vor einem dieser Wildwechsel nach Beutetieren gespäht oder gewittert? War es unentschlossen, ob es einem der Wechsel folgen soll? Ich bleibe in meiner Bewertung zurückhaltend. Für einen Wolf sprechen die Geradlinigkeit der Spurbahn und die Abgelegenheit des Gebiets. Die Größe der einzelnen Pfote würde für einen Hund sprechen und selbstverständlich können streunende Hunde sich hier ebenfalls aufhalten. Aber warum sollte der Wolf, der sich nachweislich schon längere Zeit in diesem Teil des Landkreises Pinneberg aufhält, nicht gerade die versteckten Bereiche des Himmelsmoors als Ruheplatz oder zur Jagd aufsuchen?

Sei es im Duvenstedter Brook, sei es im Himmelmoor. Ob bei den geschilderten Beobachtungen tatsächlich ein Wolf im Spiel war, werde ich nicht erfahren. Der US-amerikanische Wildbiologe Aldo Leopold soll gesagt oder geschrieben haben: „Schon ein einzelner Bär in der Landschaft, gibt ihr einen ganz anderen Geruch“. Wenngleich ich für meine Schilderung den Bären durch einen Wolf ersetzen musste, glaube ich zu verstehen, was er damit meinte. Alleine die Möglichkeit, dass der Wolf hier war, ist ein prickelndes Gefühl und gibt meinen Erlebnissen in der Natur eine ganz besondere Note.   

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